Projekt Bokhylla

Foto: Jürgen Keiper

Die Nationalbibliothek Norwegens kommt mit ihrem riesigen Digitalisierungsprojekt Bokhylla schnell voran. Die Digitalisierung von Filmen ist noch eine Herausforderung, meint Roger Jøsevold, der Vizeleiter der Nationalbibliothek.

iRights: Herr Jøsevold, wie ist es Ihrem Land eigentlich gelungen, große Wissensbestände nicht nur digitalisieren zu können, sondern auch den Norwegern zugänglich zu machen?

Roger Jøsevold: Ich würde sagen, dafür gibt es drei wesentliche Gründe. Erstens die strategische Entscheidung im Jahr 2004, die norwegische Nationalbibliothek zu einer digitalen Bibliothek zu machen, und die Folge-Entscheidung im Jahr 2006, wirklich sämtliche Bestände der Nationalbibliothek zu digitalisieren. Zweitens haben wir eine Rechtsgrundlage, die Extended Collective License. Sie versetzt die Nationalbibliothek in die Lage, dass sie für die Rechteklärung nur mit einem Partner verhandeln muss, nämlich der Verwertungsgesellschaft Kopinor, die sämtliche Rechteinhaber des Landes vertritt. Drittens haben wir traditionelle, über lange Zeit gewachsene strategische Partnerschaften zwischen Verlagen und der Nationalbibliothek.

Unter dem Begriff „Extended Collective Licensing“ werden gesetzliche Regelungen und Lizenzvereinbarungen zusammengefasst, die alle Rechteinhaber auf einem bestimmten Gebiet umfassen. Es ist ein erweitertes Modell, weil Verwertungsgesellschaften nicht nur die Rechte ihrer Mitglieder, sondern per Gesetz auch die von Außenstehenden wahrnehmen. Eine Bibliothek etwa kann somit viele Rechte auf einmal einholen, um Werke zu digitalisieren. Das Modell ist besonders in den skandinavischen Ländern verbreitet.

Was war oder ist noch immer die größte Herausforderung für das Bokhylla-Programm?

Meiner Meinung nach ist es die Angst von Verlagen, dass der freie Onlinezugang zu Büchern, die nach wie vor käuflich sind, die Verkäufe dieser Bücher beeinflusst.

Gab es von den Verlagen also auch Widerstände gegen das Bokhylla-Programm?

Ich würde es nicht echte Widerstände nennen, sondern eher Widerwillen. Die größte Abneigung zeigten Verleger von Nachschlagewerken, von Lehrbüchern und von Kinderbüchern.

Was antworten Sie, wenn Autoren, Verleger oder andere Rechteinhaber mehr Vergütungen verlangen, weil ihre Umsätze durch das Digitalisierungsprogramm schrumpften?

Denen sage ich, dass die Vergütung nun einmal in einer Vereinbarung festgelegt ist und die Vergütungssätze nach einem generellen Index berechnet werden.

Auf Ihrer Website heißt es, dass die im Jahr 2006 begonnene Digitalisierung rund 20 bis 30 Jahre dauern wird. Ist das aus Ihrer Sicht schnell genug oder zu langsam?

Diese Angaben basieren auf Prognosen aus dem Jahre 2006, die wiederum von bestimmten Annahmen für die Finanzierung des ganzen Programms ausgingen, insofern war das damals eher grob geschätzt. Tatsächlich wird die Digitalisierung aller Bücher, die bis 2001 in Norwegen erschienen sind, bereits 2017 abgeschlossen sein. Außerdem haben wir jetzt schon den Großteil der Radio-Archive des Norwegischen Rundfunks digitalisiert. Die größte Herausforderung ist der Filmbereich, mit dem wir gerade begonnen haben, weil die digitalen Dateien dort so enorm groß sind.

Was betrachten Sie neben diesen gewaltigen Dateimengen als kniffligste Aufgabe bei der Digitalisierung?

Von einem nicht-technischen Standpunkt aus betrachtet sehe ich die Langzeitaufbewahrung der digitalen Inhalte als besonders herausfordernd an, weil sich sowohl die digitalen Dateiformate als auch die Speichertechnologien ständig ändern und einen endlosen Prozess des Umkonfigurierens und Umziehens der Dateien erfordern.

Gibt es etwas, das Sie im Laufe der vergangenen Jahre hätten besser hinbekommen können?

Eigentlich nicht, denn es war über die Jahre – vom technischen Standpunkt aus betrachtet – ein schrittweiser Prozess von Versuch und Irrtum, in dessen Verlauf wir ständig Änderungen vornehmen mussten. Das betrifft sowohl die Qualität der Digitalisate als auch die Benutzerfreundlichkeit der digitalen Sammlungen.

Wenn andere Länder bei der Digitalisierung den „norwegischen Weg“ gehen wollten, was würden Sie diesen Ländern raten?
Ich denke, als Allererstes müsste eine klare Entscheidung für eine digitale Nationalbibliothek gefällt werden. Danach müssten genügend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um zu zeigen, dass man die genannte Entscheidung auch wirklich umsetzen will.

Aus rechtlicher Perspektive sieht es so aus, als hätte Norwegen die harte Nuss geknackt, die das Urheberrecht für Digitalisierungsprojekte zu sein scheint. Oder sehen Sie hier auch für Ihr Land weitere Probleme?

Sie haben recht, Norwegen und die nordeuropäischen Länder verfügen mit dem Extended Collective Licensing über eine umfassende rechtliche Basis, um große digitale Bibliotheken aufzubauen.

Doch im Sinne des gesellschaftlichen Auftrages, den wir als Nationalbibliotheken haben – das gesamte kulturelle Erbe dauerhaft zu sichern –, benötigen wir eine modernisierte Regelung der sogenannten Hinterlegungspflicht für Veröffentlichungen in der Nationalbibliothek. Sie sollte sich fortan auch auf originär digitale Inhalte beziehen.

Es muss dabei darum gehen, sowohl den Verwertungsinteressen der Rechteinhaber gerecht zu werden als auch den Anforderungen an die Bewahrung des digitalen Kulturerbes. Momentan können wir das Web sozusagen nicht auf breiter Basis durchfischen, und das heißt, im kollektiven Gedächtnis entstehen schwarze Löcher.

Das Interview führte Henry Steinhau.

Roger Jøsevold

Roger Jøsevold

Roger Jøsevold ist stellvertretender Generaldirektor der Norwegischen Nationalbibliothek. Bevor er 2004 zur Nationalbibliothek kam, war er verantwortlich für New Services beim Unternehmen Bluegarden AS, das webbasierte Personaldienstleistungen anbietet. Davor bekleidete er mehrere Positionen in verschiedenen Regierungseinrichtungen für Organisationsentwicklung.

Foto: Nationalbibliothek Norwege
Roger Jøsevold

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