Netzgemüse: Schluss mit lustig

Foto: Mario Sixtus. CC BY-NC-SA 2.0

Tanja und Johnny Haeusler haben das Buch „Netzgemüse – Aufzucht und Pflege der Generation Internet“ geschrieben. Darin: Das How-To für den Umgang mit den medialen Herausforderungen des geliebten Nachwuchses. Sie beschreiben ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen alltägliche Probleme und ihre Lösungen. Ein Auszug aus dem Must-Read für alle Eltern.

Feste Regeln zur Mediennutzung aufzustellen, ist eine heikle Sache, denn der Ruf „Weiter, weiter!“ liegt in der Natur von TV- Kanälen für Kinder, elektronischen Spielen und natürlich dem Internet generell. Der Begriff „surfen“ beschreibt es treffend. Wie geht man mit nicht enden wollendem Spaß um? Wann ist Schluss mit lustig?

Dass spontane Entscheidungen kräfteraubend sind und ein situationsbedingtes Ja oder Nein zu immer wiederkehrenden Verhandlungen und Streiten führt, hatten wir irgendwann kapiert. Als die Jungs etwa sieben und neun Jahre alt waren, war das Thema elektronische Spiele zu einem echten Problem geworden. Die Kinder stritten sich wahlweise untereinander oder mit uns und besuchten bei Verboten Freunde, deren Eltern netter, weil großzügiger gegenüber der Mediennutzung ihrer eigenen Brut waren. Wir fanden diese Eltern schlichtweg gleichgültig, auch wenn wir zugeben mussten, dass unsere Helikopter-Medienerziehung, die uns dazu verpflichtete, an sieben Tagen der Woche kluge, abwägende Spiel-Entscheidungen für unsere Kinder zu treffen, auch nicht eben den Weg in ein entspanntes Familienparadies ebnete – sondern nicht selten direkt in Teufels Küche führte.

Insbesondere deshalb, weil wir als Eltern uns häufig uneinig darüber waren, wer was wie lange spielen darf. Hatte Mama schlechte Laune, fragten die Jungs besser bei Papa nach und drehten die Spiellautstärke etwas auf, wenn sich die Eltern kurze Zeit später wegen Papas positiver Entscheidung in die Haare bekamen, weil Mama nämlich zuvor bestimmt hatte, erst müssten die Kinderzimmer tipptopp aufgeräumt werden, was natürlich nicht passiert war. So konnte es nicht weitergehen.

So setzten wir uns mit den Kindern zusammen, um herauszufinden, wieso es immer wieder zu Streit wegen der Daddelei kam und wie wir diesen in Zukunft vermeiden könnten. Wir hatten auch alle vorherigen Regeln gemeinsam mit den Kindern aufgestellt, allerdings war der Ansatz „quid pro quo“ immer eher auf unserem Mist gewachsen. Kinder nicken eben schnell alles Mögliche ab, wenn es sie ihrem Ziel nur näher bringt. Die Kontrolle der Einhaltung ihrer Pflichten bleibt aber immer Aufgabe der Eltern. Es mag Eltern geben, die konsequenter in der Einforderung von Pflichten sind und für die solche Abmachungen okay sind, wir sind es nicht. Wir sind es vor allem deshalb nicht, weil wir im Grunde unseres Herzens nicht daran glauben, dass es auf Dauer sinnvoll ist, Kinder für ihre Begeisterung bezahlen zu lassen.

In der Familienrunde machten wir klar, dass wir, wenn sich keine Lösung fände, die dauerhaft und friedlich funktioniert, das gesamte Elektrospiel-Inventar in die Tonne treten würden. Das meinten wir übrigens ernst.

Wie sich herausstellte, fühlten sich unsere Söhne von uns nicht ernst genommen. Ihr Problem lag darin, dass sie zwar eigentlich gehorchen wollten, das aber nicht immer sofort möglich war. Dann nämlich, wenn die beiden zum Beispiel an der Playstation ein Rennen austrugen und kurz vor der Finalrunde abschalten sollten, oder beim Spiel Zelda kurz vor der Vervollständigung eines Levels standen, nicht zwischenspeichern konnten und beim nächsten Mal ganz von vorne hätten beginnen müssen, wären sie unserem spontanen „Schluss jetzt!“ sofort gefolgt. Überhaupt gäbe es eben Spiele, für die man mehr Spielzeit am Stück brauche als für andere.

Anders formuliert, es fehlte den Jungs an Entscheidungsfreiheit. Bis zu einem gewissen Grad mussten sie selbst bestimmen dürfen, wie lange sie spielen.

Wir beschlossen, ihnen einen wöchentlichen Zeitrahmen einzuräumen, innerhalb dessen sie frei agieren und selbst verfügen konnten, wie sie sich ihre Spielzeit einteilen. Drei Stunden Medienzeit sollten sie haben, Fernsehen oder Videogucken zählten nicht dazu, aber wir waren ohnehin keine großen TV-Glotzer, und die Sendung mit der Maus war die einzige, die wir regelmäßig schauten, am Wochenende kam manchmal noch ein Film dazu. Die Zeiterfassung funktionierte sehr simpel über drei geviertelte, die Stunden repräsentierende Kreise, die jedes Kind auf seinen Spiel-Zettel malte, der an den Kühlschrank gehängt wurde, wo er für alle sichtbar war. Ein ganzer Kreis stellte eine Stunde dar, ein halber dreißig und ein viertel fünfzehn Minuten. Die Kreiseinteilungen wurden, je nachdem, wie lange man gespielt hatte, von ihnen ausgemalt, die noch verbleibende Wochenspielzeit ergab sich aus den noch freien Feldern.

Diese Regelung war die erste, die sich wirklich bewährte. Natürlich achteten wir anfangs heimlich mit darauf, wann ein Kind mit dem Spiel begonnen hatte, aber es klappte auch ohne Kontrolle. Tatsächlich waren es die Kinder selbst, die begannen, sich eine Eieruhr zu stellen, damit sie die Kontrolle über ihre Spielzeit nicht verloren, wenn sie beispielsweise wussten, dass am nächsten Tag ein Freund zum Zelda spielen eingeladen war und man also mit seinem Kontingent entsprechend haushalten musste. Es funktionierte!

Kinder sind absolut in der Lage, ihre eigene Freizeit zu gestalten. Ordnen wir neuen Medien in den Bereich Freizeit ein, so muss es ihnen auch in diesem Bereich erlaubt sein, frei agieren zu können. Eine Rahmenvereinbarung ist daher der bestmögliche Weg, Kindern Freiheit zuzugestehen, ohne die elterliche Verantwortung an den Nagel zu hängen. Auch außerhalb der Familie sind solche Regelungen der vernünftigste Weg, um Stress und Streit zu vermeiden.

Tanja und Johnny Haeusler

Tanja und Johnny Haeusler

Tanja und Johnny Haeusler: „Netzgemüse – Aufzucht und Pflege der Generation Internet“. Erschienen am 19.11.2012 im Goldmann-Verlag, Taschenbuch, 288 Seiten.
Tanja und Johnny Haeusler

Letzte Artikel von Tanja und Johnny Haeusler (Alle anzeigen)