Taktische Verschlüsselung

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Informatikerin und Privacy-Expertin Seda Gürses über die Proteste in der Türkei, welche Auswirkungen PRISM auf die Privacy-Debatte hat und wie Verschlüsselungstechniken Solidarität beweisen können.

iRights.Media: Wir haben schon letztes Jahr miteinander gesprochen – hauptsächlich über soziale Netzwerke und Datenschutz. Welche Entwicklungen gab es in diesem Jahr?

Seda Gürses: Soziale Netzwerke waren auch in diesem Jahr Thema, aber ich würde den Schwerpunkt diesmal woanders setzen, nämlich darauf wer kontrolliert, was gezeigt wird und was nicht. Das ist meiner Meinung nach auch ein Teil von Privacy im Sinne von informationeller Selbstbestimmung. Vor allem Facebook scheint Probleme mit politischen Inhalten zu haben. Bei den Protesten in der Türkei, die Ende Mai angefangen haben, war zu sehen, dass Facebook irgendwann Zensur ausgeübt und bestimmte Inhalte nicht mehr gezeigt hat. Wir haben mit Richard Allen (Director of Policy bei Facebook, Anm. der Red.) gesprochen, der bestätigt hat, dass Facebook kurdische Seiten zensiert hat. Er sagte, dass geschehe bei Seiten, die die PKK und Terroristengruppen unterstützt haben. Ich habe mit einigen dieser Gruppen gesprochen. Sie hätten zum Beispiel nur über Unabhängigkeitsbewegungen in Syrien berichtet, die kurdische Wurzeln hatten – das wurde dann von Facebook gelöscht. Zensiert wurden nicht nur Postings, sondern ganze Seiten und Gruppen. Die Maßstäbe von Facebook waren teilweise härter als die der türkischen Regierung.

Was waren die Folgen dieser Löschungen?

Besonders Bürgerjournalismus-Projekte verloren teilweise ihre Arbeit von Monaten, weil sie Facebook als Archiv nutzten. Das ist vielleicht nicht sehr schlau gewesen, dass sie das auf Facebook gemacht haben, aber es fehlten ihnen die Ressourcen, eigene Server aufzusetzen.

Wie kam Facebook dazu, diese Gruppen zu zensieren? Und wie sah es bei den anderen Netzwerken aus?

Es gab Gerüchte, dass Facebook mit der türkischen Regierung zusammengearbeitet hätte. Ich habe nachgefragt und Facebook hat das bestritten. Andererseits gaben Offizielle des Staates in den türkischen Medien zu, sie hätten mit Facebook zusammengearbeitet. Das ist schon etwas merkwürdig. Angeblich schickten sie auch Leute zu Twitter, hätten dort aber wenig Erfolg gehabt.

Edward Snowden und PRISM, die Überwachung durch die NSA ist wahrscheinlich das wichtigste Thema in diesem Jahr in der netzpolischen Diskussion. Welche Konsequenzen hat das für die Privacy-Debatte?

Es macht den Leuten bewusst, was mit diesen Technologien möglich ist. Privacy ist nicht nur ein Problem zwischenmenschlicher Beziehungen – also zum Beispiel, dass meine Mutter nicht erfahren soll, dass ich schwul bin. Es ist nicht nur ein Konsumentenproblem, also dass mein Konsumverhalten getrackt wird und ich vielleicht von Firmen diskriminiert werde. Das, was wir jetzt sehen, ist, dass diese Firmen – manchmal freiwillig, manchmal gegen ihren Willen – Teil eines riesigen Überwachungsprogramms sind. Viele Leute schauen jetzt zum Beispiel mit größeren Fragezeichen auf Real-Name-Policies, also die Forderung von Web-Service-Anbietern, sich mit dem eigenen, richtigen Namen anzumelden. Für politische Aktivisten in vielen Ländern war das schon lange ein Problem. Ich hoffe außerdem, dass diese komische Unterscheidung zwischen sogenannten zivilisierten Ländern und den Ländern mit autoritären Regimen aufweicht, jetzt wo wir sehen, dass die westlichen Länder nicht nur Überwachungstechnologien in andere Länder exportieren, sondern im gleichen Maße ihre eigenen Bürger überwachen.

Sollten wir jetzt alle unsere Kommunikation verschlüsseln, anonym mit Tor surfen und PGP-Verschlüsselung für unsere E-Mails nutzen?

Grundsätzlich ist das nicht falsch. Wir müssen daran arbeiten, solche taktischen Werkzeuge, die ein bisschen mehr Schutz gegen Überwachung bieten, zu unterstützen. Aber wir müssen auch drauf achten, dass es keine Zweiklassengesellschaft gibt, in der manche Leute Zugang zu Technologien erhalten, die Überwachung zu vermindern, und andere gar nicht. Die Technologien müssen zugänglicher werden, um sie effektiv benutzen zu können. Es ist nicht klar, ob Tor es zum Beispiel aushalten würde, wenn es alle Nutzer gleichzeitig benutzten. Das ist eine Kapazitätsfrage. Es gibt mathematische Modelle, die besagen, dass wenn viele Leute auf der Welt Tor benutzen, die Verteilung der unterschiedlichen Verbindungen zwischen ihnen es erlauben würde, herauszufinden, wer mit wem kommuniziert. Dazu sollte es nicht kommen und deshalb besteht weiterhin Entwicklungsbedarf.

Sind denn die üblichen Verschlüsselungstechniken wirklich sicher? Kann die NSA nicht doch mitlesen?

Nein, so einfach ist es nicht. Die meisten Kryptografen sagen, dass die NSA die Verschlüsselungen selbst nicht geknackt hat, sondern die Schwachstellen in der Umgebung darum ausnutzt. Die meisten Verschlüsselungstechniken sind, soweit wir wissen, mathematisch gesehen in Ordnung. Aber Kryptografie ist nicht nur Mathematik. Sie muss implementiert werden. Um die Implementierung global zugänglich zu machen, muss es irgendeine Standardorganisation oder zumindest eine Verständigung geben, an die sich alle halten, und hier setzt die NSA an.

Mit Kryptografie verschiebt man das Problem der Geheimhaltung der Inhalte auf die Geheimhaltung der Schlüssel. Bei einer Verschlüsselung verschlüsselt man die Information, die man schützen möchte, mit einem kryptografischen Schlüssel und versteckt diesen anschließend. Das Problem ist also: Wer hat diesen Schlüssel? Und wer hat Zugang dazu? Wir wissen, dass die NSA Personen oder Firmen dazu gezwungen hat, ihre Schlüssel herzugeben. Zum Beispiel die Firma Lavabit, die verschlüsselte Webmail-Zugänge angeboten hat. Das kryptografische Verfahren an sich wurde nicht gebrochen. Lavabit war sicher nicht die einzige Firma, die ihre Schlüssel hergeben musste, nur normalerweise dürfen diese nicht darüber sprechen. Der Betreiber von Lavabit, Ladar Levison, hat sich dafür entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen und den Service einzustellen, weil er wusste, dass er die Sicherheit der Nutzer nicht ausreichend gewährleisten konnte, wobei auch er keine Details verraten durfte.

Ist das auch bei den SSL-Verschlüsselungen passiert? Das ist die Verschlüsselung, die die auf Webseiten benutzt wird, zum Beispiel beim Online-Banking. Das erkennt man anhand des kleinen Schlosses in der Adresszeile des Webbrowsers.

Genau. Die Geheimschlüssel sind bei den Anbietern, und wenn sie die hergeben, hat das genau den beschriebenen Effekt.

Was bedeutet das für mich als Nutzer? Was soll ich tun?

Sich mehr mit Verschlüsselung auseinanderzusetzen, ist auf jeden Fall gut. Wenn zum Beispiel nur die Menschen, die etwas zu verstecken haben, Verschlüsselungen benutzen, werden sie automatisch verdächtigt, auch ohne dass die Nachrichtendienste die Inhalte ihrer Kommunikation kennen. Das ist eine Art Solidarität: Man verschlüsselt seine Nachrichten nicht nur in der Hoffnung, dass sie vertraulich bleiben, sondern auch weil man dadurch Personen unterstützt, die wirklich etwas verbergen müssen – aus unterschiedlichsten Gründen, zum Beispiel weil sie Journalisten oder Aktivisten sind, oder einfach weil sie keine Lust haben, dass die Serviceprovider ihre Kommunikation mitlesen.

Wo liegen denn die größten Probleme?

Im Augenblick sehe ich diese bei den ganzen mobilen Geräten, die wir ununterbrochen mit uns herumtragen. Die Sicherheit auf Mobiltelefonen ist schlicht eine Katastrophe. Sie sind komplett unter der Kontrolle der Firmen, die die Software und Hardware anbieten. Man kann zwar eigene Betriebssysteme auf das Handy spielen und das hilft auch ein bisschen. Aber sobald man eine App herunterlädt, ergeben sich große Sicherheitslücken. Man muss also entweder Einbußen bei der Funktionalität oder bei der Sicherheit hinnehmen.

Haben die ganzen Cloud-Dienste die Überwachung eigentlich erleichtert und möglich gemacht? Sollten wir mehr auf – verschlüsselte – Festplatten speichern?

Das ist schwer zu sagen. Manche Leute aus der Security-Community setzen darauf, dass, wenn wir großflächig auf Cloud-Dienste verzichteten, die Kosten für die Nachrichtendienste steigen würden, auch wenn die Überwachung sicherlich trotzdem stattfinden würde. Auch wenn wir alles verschlüsselten würde das nicht all unsere Probleme lösen, denn wir können auch unseren Rechnern nicht einfach so vertrauen. Im Prinzip müsste man einen Zweitrechner haben, der nicht ans Internet angeschlossen ist, auf dem man die Daten verschlüsselt. Das ist aber keine Arbeitsweise für Menschen, die noch etwas anderes zu tun haben im Leben oder nur mit ihren mobilen Geräten das Internet nutzen können. Deshalb gibt es auch die Meinung, dass wir das über die Politik regeln müssen, weil es allein über Technologie nicht möglich ist. Es gibt aber auch die Meinung, dass nun, wo die Überwachungskapazitäten in der Welt sind, irgendjemand sie benutzen wird. Wir werden im kommenden Jahr sehen, in welche Richtung es geht.

Wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungen für die Zukunft?

Ich denke, mehr Leute werden sich mit der Sicherheit von mobilen Geräten beschäftigen, und ich hoffe, dass sie Fortschritte machen. Die Sammlung von Information, die im Moment über Mobiltelefone stattfindet, ist erschreckend – zumal sie uns eindeutig identifizieren. Mobiltelefone verraten ständig, wo wir uns bewegen. Ich hoffe, dass sie unsere Geräte werden und nicht die Instrumente von Firmen und Staaten bleiben, wie es sich jetzt herausgestellt hat.

Ich würde mir wünschen, dass die Diskussion über Überwachung und Sicherheit nicht der Logik des Kalten Krieges folgt, sondern dass wir schauen können, was eine solche Überwachung bringt, was sie uns wegnimmt, welche politischen Probleme übrig bleiben. Wir folgen derzeit stark diesem NSA-Blick auf die Welt und vergessen teilweise, dass wir auch andere Probleme haben – auch mit der Technologie – als Konsumenten, als Leute in Institutionen, als Menschen, die miteinander kommunizieren. Ich hoffe, dass wir diese Differenzierung wiederfinden.

Seda Gürses

Seda Gürses

Seda Gürses ist Informatikerin und beschäftigt sich mit Privatsphäre und Datenschutz, Sicherheit und Überwachung, und Anforderungsanalyse. Sie forscht an der NYU in New York am Media, Culture and Communications Department.

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Seda Gürses