Taylor Swift rettet die Welt

Foto: David Shankbone / CC BY 2.0

Die 26-jährige Sängerin, Musikproduzentin und Schauspielerin gehört laut Wikipedia zu den erfolgreichsten Künstlern aller Zeiten. Erreicht hat sie diesen Status vor allem mit Hilfe des Internets und persönlicher Netzwerke. Jetzt spielt sie ihre Macht aus – und wird dadurch noch begehrenswerter.

Es ist eine klassische Nahaufnahme: Die eisblauen Augen blicken stechend, die Mundwinkel sind zu einem leichten Schmunzeln verzogen. Alles an diesem grandios inszenierten Time-Cover vom November 2014 suggeriert: Taylor Swift wird durch die Medienlinse nicht zum lustgenerierenden Objekt. Sie bleibt am Drücker, kehrt das Prinzip von Betrachter und Betrachteter um. Ihr Ausdruck ist dabei kein bisschen kontemplativ oder versöhnlich, nicht einmal distinguiert oder höflich, er ist hungrig. Er nähert die weißen Lettern des schlichten Magazin-Titels „The Power of Taylor Swift“ mit Parallelen zu Time-Porträts von großen Männern wie Steve Jobs oder Barack Obama.

Ein digitales Imperium

Genau wie sie scheint die Pop-Prinzessin auf ein von ihr selbst geschaffenes Imperium zu blicken, mit dem Wissen, im Zenit ihrer Macht unantastbar zu sein, sicher vor der tendenziösen Objektivierung durch Gesellschaft und Medien. Natürlich ist das nur eine Illusion: Gerade auf der Objektivierung durch eine Perfektionslinse beruht das künstliche Gebilde eines Superstars, ob vor fünfzig Jahren oder heute.

Was sich aber mit dem Heranwachsen der Digital Natives grundlegend verändert hat, ist der omnipräsente Einbruch dieser Inhalte in unseren Alltag. Social Media ist zu einer Art Multiplikationsmaschine für unsere tendenziösen Gelüste geworden, die jedoch in perfider Manier durch diese erst generiert werden. Durch Twitter, Instagram, Facebook und Snapchat wird die Medien-Persona nicht nur vermeintlich unmittelbar und näher als jemals zuvor erfahren, sie kristallisiert sich auch immer deutlicher als Kontrastprogramm zum eigenen mediokren Dasein heraus.

Der Mensch als soziales Wesen interessiert sich immer am meisten für andere Menschen. Was könnte die Maschine also besser befeuern, als das stetige Vergleichen und Abwerten des eigenen Lebens im Angesicht eines flimmernden Feeds voller Hedonismus, Luxus und Exzessen; was könnte einen besseren Auftrieb bieten, als der Wunsch – wenn auch nur durch Voyeurismus –, Teil dieser alternativen, verführerisch schimmernden Bildschirmwelt zu sein?

Über 65 Millionen Follower auf Twitter, über 140 Millionen verkaufte Alben, mit 25 Jahren bereits der am zweitbesten bezahlte weibliche Hollywood-Star der Welt: Taylor Swift mag den Zahlen zufolge die berühmteste junge Frau unserer Generation sein. Sie leitet weder einen Milliarden-Konzern noch ein Land, aber sie orchestriert im digitalen Zeitalter die wichtigste: die heranwachsende Generation (und ihre Mütter), die sie, noch viel mehr als zum Beispiel Kim Kardashian, fest im Griff hat. Während die mit spitzem Selfie-Mund und einem linsengesteuerten Narzissmus in eine andere Kerbe schlägt, ist Swift das gute, selbstbestimmte, talentierte Mädchen mit exklusiver High-Style-Schwesternschaft.

Mächtiges Mädels-Netzwerk

Ihre legendäre Girl Squad, erstmals im Musikvideo zu „Bad Blood“ zusammengeführt, zeigt einen äußerst hochkarätigen Cameo-Reigen der aktuellen Popkultur-Landschaft: Karlie Kloss, Gigi Hadid, Cara Delevingne, Kendall Jenner, Emma Stone, Lena Dunham, Hailee Steinfeld, Jaime King, Selena Gomez, Ellie Goulding, Lorde, Danielle, Alana und Este Haim – und das sind nur die wichtigsten Namen des elitären Swift-BFF-Kreises (BFF – best friends forever) – bilden eine der mächtigsten Mädchencliquen der Welt. Tay-Tay auf der Kurzwahltaste, gemeinsame Pyjamapartys und Luxusurlaube, gegenseitiges Zuschanzen von Auftritten, Aufwärtsschieben auf der Fame-Leiter und Füttern der Karriere-Katalysatoren Instagram und Twitter: Die Behauptung, dass sich entsprechende Schlagzeilen aus dem Stars- und Lifestyle-Bereich fast ausschließlich aus Swifts Schwesternschaft speisen, klingt wie eine Verschwörungstheorie. Ist aber keine.

Wie weit ihr Einfluss wirklich reicht, dürfte wohl in diesem Jahr vor allem der obersten Etage des Global Players Apple aufgefallen sein: Kurz nachdem der Konzern den neuen Streaming Dienst Apple Music angekündigt hatte, der allen Usern eine dreimonatige kostenlose Probezeit anbot, sendete eine Freundin Swift via Screenshot den Vertrag und äußerte ihren Unmut. Der Clou? Die Künstler sollten für diese anfängliche Probezeit keine finanzielle Kompensation erhalten – gerade für Newcomer und Indie-Labels ein echtes Problem.

Swift antwortet mit einem offenen Brief, den sie nach nächtlicher Schreibwut um vier Uhr morgens auf ihrem Tumblr online stellt. „To Apple, Love Taylor“, beginnt der Post, und kulminiert in Swifts Selbststilisierung als Sprachrohr ihrer kreativen Gemeinde:

„These are not the complaints of a spoiled, petulant child. These are the echoed sentiments of every artist, writer and producer in my social circles who are afraid to speak up publicly because we admire and respect Apple so much. We simply do not respect this particular call.“

Der höfliche, doch sehr bestimmte Brief verbreitet sich in wenigen Stunden viral, und Apple Music kündigt noch am selben Abend demütig Änderungen der Streamingkonditionen an.

Taylor Swift did it. But did she?

Die Netz-Häme ließ nicht lange auf sich warten: Ob Swift nun die Schutzheilige der Apple-Nutzer sei? Ob sie vielleicht dafür sorgen könnte, dass dieses Gratis-U2-Album endlich aus der iTunes-Mediathek verschwindet? Könnte sie bitte die Griechenland-Krise und den Nahost-Konflikt lösen? Und danach vielleicht auch noch die Fertigstellung des Berliner Flughafens sichern?

Ob nun humorvolle Neckerei oder unverschämtes Belächeln: In einer Zeit, da digitale Aufmerksamkeit für Medienphänomene wie Taylor Swift die Währung ihrer Macht bedeutet, sind wir zu schnellen Zynikern geworden. Da regt sich sofort dieser leise, latente Unmut, wenn Swift unbekannte (deshalb unmündige?) Indie-Kollegen vor der Corporate-Ausbeutung rettet. Obwohl sie ihre Macht öfter für einen guten Zweck nutzt – etwa durch zahlreiche Blog-Shout-outs, mit denen Swift Künstlern zu neuen Plattenverträgen verhilft – kann man sich des witzelnden Kommentars oder genervten Augenrollens schwer enthalten. Obwohl sie mit ihrer Girl Squad eine progressive Art der Schwesternschaft und des Feminismus zu propagieren scheint, kommt uns das High-School-Bild der privilegierten Cheerleader-Clique in den Sinn, die am Ende des Tages doch die Outsider disst.

Mediale Sympathiepunkte werden immer launischer vergeben. Während der Dauer eines Wimpernschlags kann Bewunderung in einen Shitstorm umschlagen. Der größte Nebeneffekt der medialen Hyper-Nahbarkeit all dieser Starphänomene ist der stetige Widerspruch von suggerierter Intimität und absoluter Exklusion: Wir kennen sie so gut; sie könnte unsere beste Freundin sein; was würden wir nur dafür geben, auch einen Platz bei der nächsten Pyjamaparty in der Villa Swift zu ergattern? Und doch ist das alles nur eine Simulation, ein Surrogat für echte Intimität. Sie endet, wenn wir das Smartphone auf den Nachttisch legen.

Matea Prgomet

Matea Prgomet

Vor 27 Jahren wurde Matea Prgomet in Slavonski Brod geboren, mit drei Jahren verschlug es die Kroatin nach Rheinhessen. Ein Magister-Studium der Komparatistik später, textet sie nun in Berlin als Fashion Editor beim Online-Mag desired.de. In ihrer Freizeit werkelt sie am liebsten an ihrem Herzblut-Projekt Musik und rezensiert mal hier, mal da für die SPEX.

Foto: Anny Ck
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