Unverbindlicher Frischekick mit Gesichtsfilter

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Medienkonsum im Schnelldurchlauf: Snapchat ist bunt und albern und findet ausschließlich im Hier und Jetzt statt. Ihre hohen Nutzerzahlen machen die App mittlerweile zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für etablierte Social-Media-Kanäle.

„Das Internet vergisst nicht“ – das ist eine Digitalfloskel, die jeder Medienmensch kennt. Eine Floskel, die unseren digitalen Alltag beeinflusst. Das Internet vergisst vielleicht nicht, aber Snapchat vergisst. Maximal 10 Sekunden dauert es, bis ein Video oder ein Bild in Snapchat verschwindet. In einer Welt, in der unsere Feeds voll sind mit Informationen, in denen Algorithmen unseren Medienkonsum beeinflussen und beschränken – in dieser Welt ist Snapchat eine Art Frischekick mit eigenem Gesichtsfilter. Kurz, schnell, irgendwie bunt und oft albern. Dass die Inhalte wieder verschwinden, wirkt auf viele Nutzer irritierend. Warum produziert man etwas, das dann doch wieder so schnell verschwindet? Wer schreibt schon einen Text, den er sofort wieder löscht? Wer macht schon ein Foto, dass er sofort wieder wegwirft? Genau diese Logik sollte nicht auf Snapchat angewendet werden. Das Verschwinden der Inhalte ist das, was die App ausmacht.

Snapchat findet in der Gegenwart statt – im Hier und Jetzt. Zumindest fast. Alles, was älter als 24 Stunden ist, wird aus der Story geworfen. Content von gestern. Evan Spiegel, einer der beiden Gründer der App, löschte 2015 alle seine 900 Tweets. Eine Unternehmenssprecherin von Snapchat verkündete daraufhin dem Wall Street Journal, Spiegel würde es vorziehen in der Gegenwart zu leben. Ein Chef, der seine Marke lebt.

Unser Medienalltag verändert sich immer schneller. Was vor einem Jahr, einem Monat, einer Woche war, kann schon komplett veraltet sein. All das hat im Snapchat-Kosmos keine Relevanz. Gerade für junge Menschen sind die Zeitspannen der Veränderung – der Maßstab – kürzer. Diese Schnelligkeit, diese Schnelllebigkeit, ist Teil der DNA von Snapchat. Nostalgie ist was für Facebook.

Ungezwungen im Hier und Jetzt

Aber auch Snapchat lässt inzwischen Raum für das Alte. Die im Juli 2016 eingeführte Memories-Funktion öffnet ein Fenster in die Vergangenheit. Die Befürchtungen, Snapchat könne sich damit in ein zweites Facebook verwandeln, haben sich nicht bewahrheitet. Mit der Memories-Funktion haben die Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, den eigenen Abonnenten vergangene Momente zu zeigen. Es ist eine Art kurzer Blick zurück auf Vergangenes. Nicht mehr. Der Kern der App bleibt im Hier und jetzt.

Auf Facebook und zum Teil auch auf Twitter und Instagram herrscht inzwischen der Algorithmus. Er bestimmt, was wir zu sehen bekommen. Bei Snapchat ist die Devise: „What you see is what you get.“ Dein Story-Stream ist nicht überfüllt. Dir wird der Inhalt angezeigt, den du auch abonniert hast. 24 Stunden lang. Informationen werden wegkonsumiert. Wenn eine Snapchat-Story durchgeguckt wurde, verschwindet sie. Wie ein Magazin, das man durchblättert. Ein Magazin, an dessen Ende immer wieder neue Seiten kommen.

Snapchat spricht gerade junge Menschen an, weil es unverbindlich ist. Selbst Chatnachrichten – werden sie nicht gespeichert – verschwinden. Das erzeugt ein ungezwungenes Klima. Ich kann mich frei bewegen. Was eben noch da war, ist direkt schon wieder weg. Das macht Snapchat besonders, und das macht es für junge Menschen attraktiv.

Schnelllebig und isoliert von anderen Plattformen

Snapchat ist nicht nur schnelllebig, Snapchat ist in gewisser Weise einengend – wie ein Käfig. Ein schöner Käfig, der nach außen hin, zum Rest des Internet, quasi abgeschlossen ist. Es gibt keine Verlinkungen, keine Möglichkeit, Stories direkt auf anderen Plattformen zu teilen und zugänglich zu machen. Dafür muss man eine Story erst als Video herunterladen und dann nativ auf Youtube, Facebook oder anderswo hochladen. Das fühlt sich aber beim Konsumieren falsch an. Snapchat-Content funktioniert nur innerhalb der App. Zum Konsum gehört die Kontrolle und die Macht darüber, einen Snap vor Ablauf der Zeit weiterzutippen. Durch das Tippen mit den Fingern ist man näher am Display, näher an den Snaps, näher an den Stories.

Unter Medienvertretern gilt Snapchat als eine Art Hype-App. Das liegt vor allem daran, dass die App besonders von jungen Menschen genutzt wird. In den USA ist sie unter Teenagern die beliebteste App. Auch in Deutschland durchdringt sie immer größere Nutzerkreise. Zahlen gibt es dazu aber nicht. Snapchat hält sich hier noch zurück und gibt keine Nutzerzahlen für einzelne Länder heraus. Die Zahlen, die sie herausgeben, lassen sich aber sehen: Insgesamt haben im April 2016 täglich 100 Millionen Nutzer die App genutzt. Damit zieht Snapchat zahlenmäßig an Twitter vorbei, das laut Bloomberg-Analysten 140 Millionen aktive Nutzer aufweist. Auch in der Sparte Video kann Snapchat mit beeindruckenden Zahlen glänzen. 10 Milliarden Filme werden jeden Tag in die App hochgeladen (Facebook: 8 Milliarden). Die hohen Zahlen kommen natürlich auch dadurch zustande, dass ein Video maximal eine Länge von 10 Sekunden hat. Trotzdem. Solche Zahlen helfen Snapchat dabei, ernstgenommen zu werden – und Snapchat wird ernst genommen.

Ein junger Nutzerkreis macht die App attraktiv für Medienpartner

Sobald es ein neues Netzwerk, eine neue App gibt, die gerade „in“ ist, wird daraus von vielen Medienleuten „das neue Facebook“ gemacht. Das ist bei Snapchat nicht anders. Das Narrativ, das besagt, junge Menschen würden Facebook verlassen und scharenweise Richtung Snapchat flüchten, ist sehr vereinfacht und schlicht falsch. Snapchat ist nicht das neue Facebook für die junge Generation von Mediennutzern. Dafür unterscheiden sie sich zu stark von den Funktionsweisen. Kein Algorithmus, keine Verlinkungen, kein abgestandener Content. Wenn überhaupt, ist Snapchat das neue Fernsehen. Snapchat-Kanäle fungieren dabei als eigene kleine Sender. Ich zappe durch das Programm, das ich abonniert habe, kann vorspulen und wieder zurück.

Wenn darüber hinaus noch Interesse besteht, gibt es noch die Anfang 2015 eingeführte Discovery-Funktion. Hier arbeitet Snapchat mit Medienpartnern wie CNN, Mashable oder Buzzfeed zusammen, die ihre Inhalte hochkantoptimiert und snackable in die App stellen. Lukrativ für Snapchat, weil sie dafür laut Branchenkennern hohe Summen bekommen. Lukrativ für die Medienpartner, weil sie sich damit auf eine Plattform mit einem besonders jungen Nutzerkreis hieven.

Diese Art des Medienkonsums ist inzwischen auch für andere Apps attraktiv. Im August 2016 führte Instagram seine Story-Funktion ein. Nicht nur der Name ist an Snapchat und seine Stories angelehnt. Die Funktionen – 24 Stunden Verfügbarkeit, Video- und Bilderschnipsel, die sich bearbeiten lassen – sind quasi eine Kopie. Das ist eine klare Kampfansage von Mark Zuckerberg in Richtung Snapchat und ein Zeichen dafür, dass Snapchat mehr als nur irgendein Konkurrent ist, der – wie seine Snaps – schnell wieder vom Markt verschwindet.

Duygu Gezen

Duygu Gezen

Duygu Gezen, mit Wahlheimat Internet, ist die erste ARD-Social-Media-Volontärin und darüber hinaus Snapchat-Junkie. Vor ihrem Volontariat hat sie „irgendwas mit Medien“ studiert und war viele Jahre als Netzreporterin unterwegs, um über Internetphänomene zu berichten. Im Job beschäftigt sie sich mit Formatentwicklung, Facebook-Trollen und Deutschrap-Memes.

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