Start-ups in Ägypten: Was von der Revolution bleibt

Foto: Tiger Stangl. Kairo 2011

Knapp fünf Jahre nach dem Sturz des ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak ist das Land wieder in den Händen des Militärs. Überbleibsel der „Generation Tahrir“ gibt es aber noch: Die neue ägyptische Start-up-Kultur hat erstaunlich viel mit der Revolution zu tun.

Gut gekleidete Mittzwanziger stehen in kleinen Gruppen zusammen, reden – meist Arabisch, manchmal dringt etwas Englisch durch. Auf den Stufen am Rande des großzügigen Hofes sitzen junge Frauen und Männer mit Laptops, trinken Kaffee. Schattenspendende Bäume, kleine Sitzgruppen, moderne Bürogebäude: Der Greek-Campus in Kairos Stadtzentrum ist ein Refugium in dieser chaotischen und lauten, staubigen Stadt. Es ist, als ob man ein anderes Ägypten betreten würde, hier im Herzen des Landes, mitten in Kairo. Nur etwa 400 Meter trennen den Campus vom Tahrir-Platz, wo sich die Ägypter 2011 ihre Freiheit erkämpften. Fünf Jahre später ist davon nicht mehr viel übrig.

Hier jedoch, auf dem weitläufigen Gelände des ersten und immer noch größten Technologieparks in Ägypten, dominiert das Gefühl des Aufbruchs und der Zuversicht. Der in Kuwait geborene und in den USA aufgewachsene Ahmed El-Alfi mietete den Komplex im Jahr 2013, rund zwei Jahre nach dem Sturz des Diktators Mubarak, von der American University in Cairo. Sie hatte die Räumlichkeiten bereits 2008 zugunsten eines größeren und moderneren Campus außerhalb des Zentrums aufgegeben. Gemeinsam mit zahlreichen Mitstreiterinnen machte El-Alfi den Greek-Campus zu einem Zentrum für Start-ups, einem Ort mit Coworking Spaces, an dem kollaborative Geschäfts-ideen verfolgt werden können. Ein Ort für Geeks (daher der Name) und Nerds, für junge Ägypterinnen, die der Lethargie der Mubarak-Zeit entfliehen und selbst aktiv werden wollen. Mehr als einhundert kleine und große Initiativen, Start-ups und Hubs haben derzeit Räume angemietet, auf dem Campus finden Konzerte und Konferenzen statt. Ende des Jahres 2015 gastiert hier die internationale Konferenz #RiseUp15: Mehr als 4.000 Gäste erwarten die Veranstalter zu Ägyptens wichtigstem Start-up-Event.

Das Schicksal selbst in die Hand nehmen

Muhammed Radwan ist einer der vielen Gründer, der sich auf dem Campus mit seiner Firma angesiedelt hat. 2012 entwickelte er mit einem Mitstreiter Icecairo, ein Hub für nachhaltige, soziale Technologien. Es ist Teil des internationalen Icehubs-Network, das unter anderem auch in Deutschland mit Icebauhaus in Weimar vertreten ist. Erst vor wenigen Wochen ist Icecairo auf den Greek-Campus umgezogen. Das ehemalige Büro lag nur wenige hundert Meter entfernt. „Das alles wäre ohne Revolution sicher nicht möglich gewesen“, sagt Radwan und zeigt auf den Campus. Er sitzt in Shorts und T-Shirt in einer der Sitzgruppen auf dem Hof. „Die Revolution hat meine Generation aus der Depression geholt, die Illusion zerstört, dass wir hier nichts mehr bewegen können.“ Die Leute nähmen ihr Schicksal jetzt selbst in die Hand, meint Radwan, wollten etwas bewegen.

Mit der Revolution ist die ägyptische Wirtschaft in Schwingungen geraten. Angesichts der fragilen Sicherheitslage brach der Tourismus ein, viele ausländische Investoren zogen sich zurück. Währenddessen kontrollierte das Militär weiterhin große Teile der Wirtschaft. Aber es sei noch etwas anderes passiert, sagt Radwan: „Die Leute haben gelernt, zusammenzuarbeiten, sich einzubringen, freier zu denken. Gerade in den Tagen der Revolution. Sie waren einfach auch genervt von der Art, wie die Wirtschaft im Land funktioniert.“ Sicher, auch vor 2011 gab es kleine Unternehmen, ein paar Coworking Spaces. Aber in den Jahren nach der Revolution explodierte die Entwicklung: Heute gibt es im Land mehr als 30 Coworking Spaces, und während 2011 kaum ein ägyptisches Unternehmen auf der internationalen Start-up-Plattform Angellist zu finden war, haben sich 2015 dort schon 82 neu registriert. Der „Global Entrepreneurship Monitor“, der von der London Business School veröffentlicht wird, vermerkt für die Zeit nach 2011 in Ägypten einen rasanten Anstieg bei den Unternehmensgründungen und eine zunehmende Distanz der jungen Generation gegenüber der alten Ökonomie.

Mohammed Radwan steht für diese Generation: 36 Jahre alt, aufgewachsen in den USA und in Ägypten. Nach dem Studium in den USA kam er nach Ägypten zurück. Wie viele andere auch, hat er am Tahrir im Tränengasnebel gestanden und das Mubarak-Regime niedergerungen. Von westlichen Medien wird diese Generation gerne als die Generation der Facebook-Revolutionäre bezeichnet – was sie selbst niemals gelten lassen würden. Sie haben die Euphorie und Freiheit der Monate nach dem Sturz Mubaraks erlebt – und die politische Depression danach.

Im fünften Jahr nach dem Sturz des Diktators Mubarak sitzt ein Großteil des alten Machtklüngels wieder fest im Sattel, angeführt vom ehemaligen General Abd al-Fattah as-Sisi. Die neuen-alten Machthaber arbeiten an einer umfassenden Restauration: Zensur, Überwachung und politische Verfolgung sind gerade in diesem Jahr durch eine Reihe neuer Gesetze verschärft worden. Die Ende 2015 stattfindende Parlamentswahl ist in den Augen vieler eine reine Formalie. Präsident as-Sisis Macht wird das kaum berühren. Nicht wenige der Generation Tahrir haben sich ins innere Exil begeben, einige haben das Land verlassen. Politische Frustration ist das vorherrschende Gefühl, wenn man mit jungen Ägyptern spricht. Auf dem Greek-Campus ist aber auch etwas zu spüren, das von der großen Revolution übrigblieb: Der Aufbruchsgeist einer Generation, die gelernt hat, zusammenzuarbeiten, um ein Ziel zu erreichen, die etwas Neues schaffen will.

Es fühlt sich nach Militärdiktatur an

Neben internationalen Firmen wie Uber finden sich hier kleine heimische Start-ups. Einige von ihnen haben jüngst viel Kapital eingesammelt, so wie Cloudpress, eine cloudbasierte Marketingplattform oder Instabug, ein Softwareprogramm für App-Entwickler, über das Nutzerinnen Fehler in ihren Apps direkt an die Entwicklungsteams weitergeben können. Die noch sehr kleine Tech-Szene in Ägypten hat bereits ihre Erfolgsgeschichten. Business-Analysten sprechen schon von „Start-up Egypt“. Einigen Unternehmen ist der Sprung in die USA gelungen, andere haben erhebliche Summen Wagniskapital eingesammelt.

Das Wall Street Journal machte jüngst auf die Entwicklungen am Nil aufmerksam und wies auf die wichtige Rolle der Reformen des as-Sisi-Regimes hin: Niedrigere Steuern und mehr Sicherheit seien der Grund für den Start-up-Boom. In den Ohren vieler Gründer in Kairo klingt das wie Hohn. Was für Businessanalysten eine verbesserte Sicherheitslage sein mag, fühlt sich für sie nach Militärdiktatur an. Das Internet, das ihnen die Umsetzung ihrer Ideen erst ermöglicht, ist zum Ort umfassender Überwachung geworden. Längst liest und hört der Geheimdienst alle zentralen Kommunikationskanäle mit. Die technischen Mittel dafür kommen von einer ägyptisch-amerikanischen Unternehmenskooperation.

Um zu verstehen, wie sehr die politischen Konflikte das Land immer noch in Atem halten, muss man nur hinaus auf die an den Campus angrenzende Tahrir-Straße treten: Wie in jeder der Zufahrtsstraßen zum Tahrir-Platz stehen hier überall Stacheldrahtbarrieren, Polizei und Panzer. Innerhalb weniger Minuten kann der Platz von Sicherheitskräften abgesperrt werden. Längst hat das Regime den Schicksalsort des Landes wieder unter seine Kontrolle gebracht.

Orte des Aufbruchs. Trotz alledem.

In den vergangenen Jahren waberten Tränengaswolken vom 400 Meter entfernten Tahrir-Platz auch hier in die Büroräume. Die Realität der Straße bleibt nicht draußen – und so finden sich die jungen Gründer auf dem Campus in einem Spannungsfeld aus Aufbruch und Beschränkung wieder. Sie wollen ihre eigenen Ideen verwirklichen und das Leben in Ägypten mit ihren Entwicklungen verbessern. Eine der beliebtesten Apps in Ägypten zeigt das: Auf Bey2ollak werden Verkehrsinformationen der App-Nutzerinnen gesammelt. Angesichts des täglichen Verkehrsinfarkts, den Kairo erleidet, erfreut sich die App großen Zuspruchs. In den Monaten nach der Revolution wurde der Funktionsumfang erweitert: „Wir haben einen neuen Status hinzugefügt, der dich vor Straßen im Gefahrengebiet warnt, wenn es da zum Beispiel Zusammenstöße mit der Polizei gab oder Schlägereien“, sagt einer der Betreiber, Mohamed Rafea.

Tatsächlich haben einige staatliche Stellen erkannt, welch wichtige Impulse von den Start-ups für die darbende ägyptische Wirtschaft ausgehen könnten. Die Regierung hat das Versprechen abgegeben, dass es nach Jahren des Abwärtstrends wirtschaftlich wieder vorangeht. Daran wird sie von den meisten Ägyptern gemessen, Diktatur hin oder her. Andererseits: Dem Regime, das freies Denken und den Geist des Aufbruchs nicht gerade schätzt, sind die jungen Macherinnen suspekt. Das zeigt eine Geschichte, die Mohammed Radwan besonders gern erzählt: Ende 2014 überfielen 68 schwer bewaffnete Polizisten die Büroräume eines Coworking Spaces in Kairo. Nachbarn hatten sie alarmiert, weil sie die Zusammenkunft so vieler junger Menschen für eine aufrührerische Zelle hielten. Dreißig junge Ägypter saßen vor Flipcharts und sinnierten über Businessideen, als plötzlich Polizisten mit Maschinengewehren vor ihnen standen. „Die haben dann schon realisiert, dass das hier kein Muslimbrüdertreffen ist, sondern ein Coworking Space“, sagt Radwan. Und lacht. So richtig witzig ist die Geschichte natürlich nicht, zeigt sie doch, mit welcher Härte das Regime unlängst gegen alles vorgeht, was auch nur den Anfangsverdacht von Opposition erfüllt.

„Es sind andererseits natürlich genau solche Orte wie Coworking Spaces, an denen Leute mehr oder weniger geschützt zusammenkommen können“, fügt Radwan an. Wie sicher diese Orte in Zukunft sein werden, ist unklar. Politische Justiz, willkürliche Festnahmen, Entführungen und Folter durch den Geheimdienst sind nicht gerade das Klima, in dem sich fortschrittliche Ideen entfalten. Dennoch: Die Generation derer, die vor fünf Jahren das Regime bezwangen, hat in den Wochen und Monaten der Revolution etwas gelernt. Das bleibt und bricht sich auch in neuen Wegen des Arbeitens und Lebens Bahn.

Patrick Stegemann

Patrick Stegemann

Patrick Stegemann studierte im Osten (Erfurt), Nahen Osten (Beersheva und Haifa) und in Ost-Berlin Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Peace & Conflict Studies. Er lebt als Multimedia- und Rundfunkjournalist in Berlin mit den Themenschwerpunkten Zeitgeschichte, Zukunft der Arbeit sowie Naher und Mittlerer Osten.

Foto: Mathias Strüwing
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