Weg von den Monokulturen

Foto: CC0

Das selbstfahrende Auto wird schrittweise kommen – das ist aber kein Grund zur Sorge. Die neue Mobilität bietet vielfältige Möglichkeiten, die entdeckt und gestalten werden wollen.

iRights: Vor kurzem klang es noch nach Science Fiction, nun scheint autonomes Fahren in greifbare Nähe zu rücken. Wann wird das erste selbstfahrende Auto der Daimler AG auf unseren Straßen zu sehen sein?

Alexander Mankowsky: Das erste selbstfahrende Auto gab es schon 1995, als das Unternehmen noch Daimler-Benz hieß. Das war der VaMP, der im Rahmen des EUREKA-Prometheus-Projekts von Ernst Dickmann entwickelt wurde. Das Auto fuhr etwa 1000 km nach Paris, damals noch rein visuell gesteuert, ohne GPS. An selbstfahrenden Autos wird schon lange entwickelt. Nicht nur bei Daimler, auch in der Landwirtschaft oder im Bergbau. Da sind schon Millionen Kilometer gefahren worden. Das kommt jetzt nicht vom Himmel gefallen.

Welche Entwicklungen gab es noch auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto?

Daimler war immer sehr früh mit dabei. Im Silicon Valley haben wir damals das erste sogenannte Internet-Auto gebaut. Heute würde man das nicht mehr erkennen. Jedes Fahrzeug hatte hinten einen Screen verbaut. Der war während der Fahrt mit dem Internet verbunden. Da es aber nur ganz wenige Server gab, war das ein kurzes Vergnügen. Selbstfahrende Autos – das ist eine schrittweise Entwicklung, eine Evolution. Von den Google-Fahrzeugen bis hin zum aktuellen Distronic Plus mit Lenk-Assistent, einem Abstandsregeltempomat, der automatisch den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und gleichzeitig das Fahrzeug in der Spur hält. Das überzeugt auch die Skeptiker. Die Automatisierung geht immer weiter. Spätestens in zehn Jahren wird man nicht mehr sagen: Fährt das Auto autonom? Man wird fragen: Wie automatisch ist es? Was kann es alles? Und man wird es nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen.

Das heißt, es wird nicht den Tag X geben, an dem das erste selbstfahrende Auto auf den Straßen erscheint?

Nein, es kommt schrittweise. Wir haben heute schon teilautomatisierte Funktionen in unseren Fahrzeugen. Und die nächste E-Klasse wird weiterentwickelte Automatismen mit an Bord haben. Und so wird es immer weiter gehen. Es macht nicht Plopp und man sagt dann: „Hier kommt’s. Steig ein.“ So ist die Welt nicht. Es wird zwei große Bewegungsrichtungen geben. Zum einen werden erst mal Autos mit höherer Geschwindigkeit und teilautonomen Funktionen auf einfach strukturierten Straßen fahren, auf Highways in den USA oder Autobahnen bei uns. Auf der anderen Seite wird es fahrerlose Pods geben, Transportmittelchen in Stadtstrecken, die sich mit niedriger Geschwindigkeit fortbewegen. Und irgendwann treffen sich diese Entwicklungen in der Mitte und dann hat man ein Fahrzeug, das sowohl in der Stadt fahren kann, fahrerlos mit niedriger Geschwindigkeit, als auch mit hoher Geschwindigkeit auf Überlandfahrten.

Wir werden uns also schrittweise daran gewöhnen und irgendwann wird uns ein selbstfahrendes Auto nicht mehr fremd vorkommen?

Nein gar nicht. Wir Menschen sind ja erfahrungsgemäß sehr schnell daran, uns an etwas zu gewöhnen. Wenn irgendwo ein Knopf ist, auf dem Automatik steht, dann drückt man ihn und sofort glaubt mans. Und findet das andere komisch. Ein guter Vergleich sind Smartphones. Keiner sagt mehr: Da sind ja gar keine Tasten drauf. Das ist heute selbstverständlich. Die Technik hat uns verändert. Und genauso verändern auch Geräte, die immer mehr automatisch arbeiten, unsere Wahrnehmung.

Wird der Mensch aber noch die Kontrolle über das Auto behalten?

Man wird dem Fahrzeug jederzeit sagen können: Ich möchte nicht hinter dem LKW fahren, fahr mal links rüber. Man wird die Kontrolle über die Fahrbewegung und die Ziele haben.

Wenn es um selbstfahrende Autos geht, fallen einem zunächst Google und inzwischen auch Apple ein. Was können wir von den USA lernen? Sind sie uns tatsächlich so weit voraus oder ist das nur eine Wahrnehmung?

Das ist nur eine Wahrnehmung. Beim selbstfahrenden Auto sollte einem nicht Google einfallen, sondern Sebastian Thrun. Er ist eine Schlüsselfigur im Rahmen der DARPA, der amerikanischen Militärforschung. Dort haben Universitäten und Privatleute schon vor Jahren automatisch fahrende Fahrzeuge entwickelt, meistens nur mit GPS. Das war sehr ungenau und hat daher nicht funktioniert und auch Google hat es später nochmals aufgegriffen. Schon 1995 haben wir unser Forschungsfahrzeug VaMP vorgestellt. Die deutsche Automobilindustrie steht also nicht hinten an. Wir haben heute schon Produkte auf der Straße. Das Ganze ist ein verzweigtes Netzwerk von Quellen. Wenn man jetzt in den Medien nur Apple oder Google oder Mercedes-Benz findet, dann ist das nur eine oberflächliche Sichtweise. Diese ganze Automatisierungsbewegung geht ja von der Robotik in der Fabrik bis zu den Drohnen, die man fliegen lässt. Das ist eine sehr breite technologische Bewegung.

… in der sich mittendrin die deutsche Automobilindustrie befindet?

Ja klar. Wenn Sie sich das aktuelle Forschungsauto anschauen, den Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion, dann sehen Sie, wie wir uns das Design so eines Fahrzeuges vorstellen können. Das ist uns bei Mercedes-Benz sehr wichtig. Das haben die anderen nicht gemacht. Unsere Vision ist aber auch, dass die Fahrzeuge nach außen kommunizieren – mit der Umwelt, mit anderen Automobilisten, mit Fußgängern und mit Radfahrern. Es sind nicht allwissende mobile Roboter, sondern sie können sich auf Menschen einstellen. Damit geben Sie etwas an die Gesellschaft zurück und bieten einen Mehrwert für die Allgemeinheit. Jeder trägt etwas bei.

Woran arbeiten Sie gerade in der Daimler AG?

Wir arbeiten daran, wie man Virtual Reality und Augmented Reality ins Auto einbinden kann, damit das Fahrzeug zu einem Medium wird, das sich mit der Außenwelt verbindet. Wenn ich nicht mehr lenken muss, muss ich nicht mehr stier auf die Straße kucken. Das heißt, man kann sich viele Informationen auf die Scheiben projizieren und Werbung, wenn es der Passagier wünscht, ausblenden lassen. Da arbeiten wir mit der modernen Neurowissenschaft zusammen. Wir lernen aktuell gerade sehr viel darüber, wie das Gehirn funktioniert. Wie das Bewusstsein funktioniert. Da treffen Philosophie und Naturwissenschaft auf interessante Weise aufeinander.

Wenn es um die Digitalisierung geht, schauen wir immer in die USA. Von dort kommen die großen Firmen, die weltweit führend sind. Worin sehen Sie die größte Herausforderung für die deutsche Industrie, wenn es um den Sprung ins Digitalzeitalter geht?

Wir sind ja nicht die deutsche Industrie, wir sind ein globaler Konzern. Um autonome Fahrzeuge auszuprobieren, braucht man nicht nur gutes Wetter, sondern auch gewisse Freiheiten und die findet man eher im Silicon Valley als im Harz. Der große Vorteil von Europa ist die Vielfalt. Deshalb sollte man auch nicht zu viel harmonisieren. Für die Ideenfindung ist Europa ideal. In den USA wiederum gibt es einen riesigen Markt, eine riesige Fläche, die über die Staaten und die Städte auch noch intern viele Freiheiten bietet. Da hat ja ein Bundesstaat – was die Gesetzgebung und Ausnahmeregelungen angeht – viel mehr Freiheiten als wir hier. Daher wurden auch in Nevada die ersten autonom fahrenden Autos getestet. Das heißt, man muss das zusammen sehen. Nicht Europa oder USA, sondern es ist eine Kombination aus beidem. Der Kreativpart ist eher hier, viel Ausführung im Silicon Valley. Letztlich geht es um Vielfalt und um Handlungsfreiheit, damit man Dinge ausprobieren kann. Was würde Europa helfen? Wir brauchen einfach mehr Handlungsfreiheit auf lokaler Ebene. Man muss nicht gleich für alles Regelungen erfinden.

Generell gefragt: Wie wird sich Mobilität in den nächsten Jahren verändern?

Sie wird flexibler werden und vielfältiger. Jetzt haben wir häufig Monokulturen. Speziell in den USA. Die sagen: In Europa packt man die LKWs auf die Straße und die Menschen in den Zug. Und in den USA hat man die Güter auf der Schiene und die Menschen in den Autos. Aber beides sind Monokulturen. Vielfalt heißt, diese Automatisierung wird die Chance bieten, dass man zum Beispiel Carsharing nutzt, indem gar nicht mehr oder fast gar nicht mehr geparkt werden muss, weil es in den Innenstädten zu eng und Parken nicht möglich ist und teuer. Man wird auf dem Land die Möglichkeit haben, zum Beispiel im Alter oder als Familie günstiger zu wohnen und viel Platz zu haben. Der Unterschied zwischen öffentlichem Nahverkehr und individuellem Verkehr wird sich auflösen. Es wird viele Zwischenformen geben. Es gibt keinen Grund für Ängste, es gibt einen Grund für Gestaltung. Jeder ist gefordert zu gestalten. Sich zum Beispiel zu überlegen: Wie würde meine individuelle Umwelt – mit Kindern und Schule und allem möglichen – aussehen, wenn ich andere Verkehrsmittel, wenn ich mobile Roboter hätte? Wie will ich mit einem Auto kommunizieren, das auf mich zukommt? Wie wäre es, wenn eine Drohne mir ein Päckchen mit Medikamenten liefert? Auf den weniger dicht besiedelten Gebieten ist ja die Ärzteversorgung ein Problem. Und plötzlich ginge das. Solche Sachen muss man sich mal überlegen.

Das Interview führte Vera Linß.

Alexander Mankowsky

Alexander Mankowsky

Alexander Mankowsky ist seit 1989 für die Daimler AG in der Forschung tätig. Seit 2001 arbeitet er zum Thema „Gestaltende Zukunftsforschung“ im Bereich Gesellschaft und Technik der Daimler AG. Der Fokus seiner Arbeit liegt darauf, soziale und technische Innovationen für die Mobilität von Morgen zu erkennen und umzusetzen.

Foto: Daimler AG
Alexander Mankowsky

Letzte Artikel von Alexander Mankowsky (Alle anzeigen)