Wie Erfindungen unser Leben wirklich besser machen

Foto: Russell Watkins, DFID. Hadija with an Ensol solar lighting kit / CC BY 2.0

Wie können günstige Solarzellen das Leben der Menschen in Kenia verbessern und welche Gefahren bringt der „Uber“-Umbruch in der Taxibranche mit sich? Tech-Unternehmen müssen mehr an den Menschen denken.

Im MIT Media Lab gehen wir davon aus, dass wir eine bessere Zukunft erfinden und sie über den gesamten Globus verbreiten können. Hier wurden schon sehr viele wichtige Dinge erfunden, wie beispielsweise die künstlichen Gliedmaßen von Hugh Herr. Aber im Media Lab werden auch verspielte Ideen verwirklicht – wie das Videospiel „Guitar Hero“ im Labor von Tod Machover, der die Zukunft der Musik erforscht.

Das Media Lab ist auch ein Ort, an dem Technologien entwickelt wurden, bei denen man sich noch nicht einig ist, wie nützlich sie eines Tages sein werden – etwa beim Trend der Wearables. So wurden beispielsweise auch die Vorläufer von Google Glass im Media Lab entwickelt.

Bei meiner Arbeit im Media Lab geht es um Civic Media, also Bürgermedien. Die Idee dahinter ist, dass Medieninhalte von Bürgern geschaffen und geteilt werden, um damit die Welt zu verändern. Wir arbeiten an Projekten wie der Media Cloud, die Online-Aktivisten hilft herauszufinden, ob ihre Arbeit erfolgreich ist. Wir analysieren etwa die„Black Lives Matter“-Bewegung, die gegen Gewalt gegen Schwarze protestiert.

Wir stellen Mittel zur Verfügung, mit denen Gemeinden über Mobiltelefone Informationen über die Infrastruktur – also Gehwege, Straßen und sanitäre Einrichtungen – sammeln können, um daraus aufschlussreiche „Crowdmaps“ zu erstellen. Mit deren Hilfe können sie die Sanitäranlagen auf Marktplätzen optimieren und neue Orte für Spielplätze in einkommensschwachen Vierteln ermitteln.
Und wir bauen Plattformen, mit denen Menschen wertvolle Botschaften verbreiten können. Wir wollen vor allem den Menschen eine Stimme geben, die normalerweise nicht gehört werden. Dafür arbeiten wir mit internationalen Bürgermedien-Websites zusammen wie Global Voice und Fold, einer Plattform, auf der komplexe, medienwirksame Inhalte veröffentlicht werden können, und Deepstream, einem neuen Werkzeug, das Nutzern erlaubt, Livestream-Videos zu kuratieren und einzuordnen.

Mit anderen Worten: Ich bin davon überzeugt, dass Innovationen die Macht haben, die Welt zu verbessern. Aber ich möchte auch ein paar Warnungen aussprechen und ich vermute, dass diese Warnungen alle Erfinder in den USA und auch der restlichen Welt interessiert.

Vergesst nicht die Menschen

Ich beteilige mich seit den späten 1990ern daran, in Afrika südlich der Sahara technologische und wirtschaftliche Entwicklungshilfe zu leisten. Ich half mit, dort ein Netzwerk von Freiwilligen für technologische Projekte aufzubauen, das mit Unternehmen auf dem gesamten Kontinent zusammenarbeitete. Das Projekt nannte sich Geekcorps. Seit ich vor 15 Jahren an dem Projekt gearbeitet habe, habe ich viele Trends bei der Aufbauarbeit kommen und gehen sehen.

Bevor ich in der Entwicklungshilfe tätig war, war es üblich, riesige Infrastruktur-Projekte zu fördern und Regierungen große Kredite dafür anzubieten. Als ich bei Geekcorps begann, war vor allem die Korruptionsbekämpfung ein großes Thema, wenig später wurde mehr Wert auf demokratische Regierungen gelegt und anschließend auf die Finanzierung von kleinen Unternehmen.

Jetzt liegt der Fokus auf Innovation.

Ich hatte das Vergnügen, mehrere Jahre mit dem kenianischen Non-Profit-Unternehmen Ushahidi zusammenzuarbeiten. Der Crowdmapping-Konzern gründete den iHub, den führenden Coworking Space und Innovations-Treffpunkt in Nairobi und das Vorbild für viele ähnliche Orte überall auf dem Kontinent.

Aber so sehr mir der Gedanke gefällt, dass Hacker und Macher an diesen Orten neue Idee entwickeln können, so sehr glaube ich auch, dass es wichtig ist, einen kritischen Blick auf die anderen Kapitel der Geschichte internationaler Entwicklung zu werfen.

Keine dieser Ideen – Infrastruktur aufbauen, Korruption bekämpfen, korrekte Wahlen sicherstellen, kleine Unternehmen aufbauen – war schlecht. Aber keine lieferte die perfekte Lösung. Sie sind alle wichtig, aber sie werden noch wichtiger, wenn wir gemeinsam an ihnen feilen. Und das gilt auch für technologische Entwicklungen.
Trotz des großartigen und ambitionierten „One Laptop per Child“-Projekts, mit dem das Media Lab jedem Kind in einem Entwicklungsland den Zugang zu einem eigenen Computer ermöglichen will, wird es weiterhin komplexe Probleme in Sachen Bildung auf dem afrikanischem Kontinent geben.

Selbst wenn wir Laptops in jeder Schule hätten, gäbe es immer noch Probleme, dass die Schulen ausgebildete Lehrer finden, die so gut bezahlt werden, dass sie auch zur Arbeit gehen. Es wäre wichtig, dass alle Schulgebäude mit eigenen Toiletten für Mädchen ausgestattet sind, was erwiesenermaßen wichtig dafür ist, dass alle die gleiche Chance auf eine Ausbildung bekommen. Außerdem müssten die Kinder genug zum Essen haben, damit sie lernen können, und es müsste für Absolventen auch gute Jobs geben.

Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten zu versuchen, soziale Probleme mit Hilfe von Technologie zu lösen. Aber es bedeutet, dass wir bei sozialen Problemen, die wir technologisch lösen wollen, auch „sozio-technologische“ Lösungen brauchen. Wir müssen berücksichtigen, wie Menschen mit Technik umgehen.

Es ist unverantwortlich, wenn Entwickler nur über die Technik nachdenken, an der sie basteln, obwohl sie die Welt mit Hilfe von Technologie verändern wollen.
Das bringt mich zu meinem zweiten Punkt und einem Begriff, den wir momentan in der Tech-Industrie in den USA oft hören: Disruption.

Wer steckt hinter Disruption?

Uber sorgt für Disruption beim Taxigeschäft, Airbnb beim Hotelgeschäft.

Es gibt heute viele Systeme, die kaputt sind und die Disruption gut gebrauchen könnten. Aber wir müssen uns fragen, wer davon profitiert und wer verliert, wenn Systeme erneuert werden.
In den USA ist das Taxi-Lizenzen-System sehr ungerecht und die meisten Fahrer sind extrem unterbezahlte, kürzlich eingewanderte Bürger, die manchmal auch gefährliche Jobs annehmen, da sie kaum eine andere Möglichkeit haben. Das ist ein System, in dem eine Veränderung sinnvoll erscheint.

Aber wenn das neu eingeführte System dem Fahrer weniger Geld zahlt als das aktuelle, und mehr Geld in die Hände der Fahrdienstleiter fließt, die mit dem Geld der Investoren abgesichert sind, dann haben wir ein ungerechtes System mit einem noch schlechteren ersetzt.

Diese Erneuerer sehen sich gerne als Revolutionäre. Aber sie können schnell selbst zur festgefahrenen Macht werden.

In den späten 1990ern war niemand in West-Afrika traurig, als das staatliche Monopol der Telefonkonzerne von Mobilfunkanbietern zerstört wurde. Aber nun, mehr als 15 Jahre später, gehören diese Unternehmen in vielen Entwicklungsländern zu den mächtigsten Konzernen, und es wird viel diskutiert, ob Preise und Angebote fair sind oder ob ein Umbruch des Systems eine sinnvolle Alternative wäre.

Facebook spricht mittlerweile davon, die Datentarife der Mobilfunkanbieter mit Internet.org zu zerstören und den Zugang zu Teilen des Internets kostenlos über das Mobiltelefon verfügbar zu machen. Wir sollten uns fragen, ob dieser Umbruch nicht Facebook zu einer allmächtigen Hegemonie machen würde, die den Weg ins Internet vorbestimmt, und ob das wirklich ein Umbruch ist, den man unterstützen sollte.

Wer darf bestehende Systeme zerschlagen? Derzeit sind es vor allem Technik-Experten zusammen mit Unternehmern, die ein bestimmtes Problem lösen können und auch genug Geld mitbringen, um die Lösungsmethode zu verbreiten.

Aber was wäre, wenn verschiedene Gruppen von Menschen die Industrie umkrempeln könnten und das ungerechte System, mit dem sie konfrontiert werden, zerstören könnten?
Mein MIT-Kollege Sasha Costanza-Chock etwa arbeitete in diesem Frühjahr mit Arbeiter-Genossenschaften zusammen, um herauszubekommen, welche neuen Technologien eingeführt werden könnten, um die Waagschale in Richtung der Arbeiter zu senken.

Ich beobachte die #FeesMustFall-Proteste in Südafrika sehr genau und frage mich, ob es einen Weg gibt, dass diese Studenten, die für bezahlbare Studiengebühren auf die Straße gehen, eine Bewegung werden könnten, die erneuernd auf die gesamte höhere Bildung einwirkt. Ich frage mich, ob diese Bewegung ein System aufbauen könnte, das für alle offen, bezahlbar und geeignet ist, die anhaltende Ungerechtigkeit in Südafrika zu zerstören.

Die Motivation ist wichtig

Mit anderen Worten: Technologie ist wichtig, aber ebenso wichtig ist die Motivation der Menschen, die solche Technologieen entwickeln.

Eines meiner Lieblingsunternehmen in Kenia ist M-Kopa Solar, das ein Solar-System anbietet, das nur bei Nutzung Geld kostet. Mitgeliefert werden ein LED-Licht und Anschlüsse, an denen sich Mobiltelefone laden lassen und ein Radio betrieben werden kann.

Anstatt mehrere Hundert US-Dollar zu bezahlen, um sich ein eigenes Solarsystem anzuschaffen, beträgt der Preis einmalig 35 US-Dollar und eine Gebühr von etwa 50 Cent pro Tag. Das System wird aktuell von über 150.000 Haushalten in Kenia und Tansania genutzt.

Vor allem das Mietmodell, das sich „Rent-to-own“ nennt, bei dem die Zahlungen über das Mobiltelefon erledigt werden, hat zum Erfolg von M-Kopa beigetragen. Sie können sich vorstellen, wie nützlich dieses Mietmodell für andere Unternehmen sein kann, die Kunden mit mittlerem Einkommen eine solche Infrastruktur zur Verfügung stellen wollen.

Aber solche Mietmodelle können auch für ausbeutende, räuberische Geschäfte missbraucht werden, wie wir aus Erfahrungen in den USA gelernt haben. Dort werden unter anderem Möbel und Fernseher zu völlig überhöhten Preisen an Menschen mit niedrigem Einkommen vermietet.

Es ist weder eine gute Idee, eine Technologie als komplett positiv und erneuernd zu bezeichnen, ohne darüber nachzudenken, wie sie genutzt wird. Noch sollte man sie nur negativ zu sehen. Die Kombination aus neuen Technologien und der Art, wie wir sie nutzen, ist entscheidend, um zu verstehen, wie Innovationen unser soziales Wohl verbessern.

Das Fahrrad als Vorbild

Manche Technologien verändern mehr als andere. Vor allem Technologien, auf denen man aufbauen kann, sorgen für Veränderung.

Betrachten wir noch einmal M-Kopa Solar. Es basiert auf M-Pesa, dem mobilen Geldsystem Kenias. Das wiederum basiert auf dem Mobilfunknetzwerk – nicht nur auf dem technischen System der Türme und Empfänger, sondern dem soziotechnologischem System der Simkarten-Verkäufer. Viele dieser Verkäufer haben sich zu Mikrobanken entwickelt, die Bargeld in M-Pesa-Guthaben umtauschen und Guthaben als Bargeld auszahlen.

Es gibt einen sehr guten Grund, warum es so viele Erfindungen rund ums Internet gibt. Das Internet erlaubt eine nahezu unendliche Anzahl von neuen Geschäftsideen. Aber die Technologie verdeckt häufig, was das Internet als Plattform für Innovation so besonders macht: Es ist allgegenwärtig, es ist billig genug, es zu nutzen, und offen genug, dass wir darauf aufbauen können.
Nun möchte ich Sie einladen, über eine andere Technologie nachzudenken: das Fahrrad.

In den afrikanischen Ländern, in denen ich gelebt und gearbeitet habe, ist ein Fahrrad günstig genug, dass die Leute es auch für andere Zwecke benutzen können. Man sieht Menschen, die Fahrräder als Antrieb für Messerschleifer nutzen, sie laden Mobiltelefone damit, transportieren schwere Lasten oder nutzen Fahrräder mit einer montierten Trage als Krankenwagen auf schlechten Straßen.
In der heutigen Zeit wird das Mobiltelefon zum Fahrrad.

Zwei Drittel der Haushalte südlich der Sahara besitzen ein Mobiltelefon. Manche benutzen Anwendungen, die Patienten daran erinnern, ihre HIV-Medikamente zu nehmen. Andere helfen Kunden dabei, die Medizin zu überprüfen, die sie einnehmen, um Fälschungen auszusortieren.

Lassen Sie uns auf jeden Fall nach Wegen suchen, um kaputte Systeme zu erneuern. Aber wir dürfen nicht aufhören zu fragen, wem dieser Umbruch hilft und wem er schadet. Natürlich ist es spannend, die Welt mit neuer Technologie und Innovationen zu verändern. Aber es ist noch wirkungsvoller, die Art und Weise zu verändern, wie Menschen die Technologie nutzen.

Mehr Fahrräder, bitte!

Dieser Artikel ist eine bearbeitete Version eines Vortrags vom 22. Oktober 2015, der auf einem Treffen der Non-Profit-Organisation South Africa Partners gehalten wurde.
Übersetzung: Netzpiloten.de. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Ethan Zuckerman

Ethan Zuckerman

Ethan Zuckerman ist Direktor des Center for Civic Media am MIT und erster Forschungswissenschaftler am MIT Media Lab. Seine Forschung bezieht sich auf die Verteilung der Aufmerksamkeit von neuen Medien, die Nutzung von Technologie für die internationale Entwicklung und die Nutzung neuer Medientechnologien von Aktivisten.

Foto: CC BY 2.0
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