Wir können für die Verfügbarkeit des Internets garantieren

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Eco ist der größte Verband der Internetwirtschaft in Europa und betreibt den Internetknoten DE-CIX, einer der größten Knoten der Welt. Der Geschäftsführer von eco, Harald Summa, erklärt, wieso Selbstregulierung im Netz so gut funktioniert und wieso Deutschland endlich ein Internetministerium braucht.

iRights.Media: Herr Summa, das Internet ist im Alltagsgefühl der meisten Menschen unsichtbar. Sie betreiben den größten deutschen Internetknoten, den DE-CIX in Frankfurt. Können Sie ganz einfach erklären: Was ist so ein Internetknoten und was passiert da?

Harald Summa: Viele Leute glauben, das Internet wäre ein großes Netz. Auf der technischen Ebene ist das Internet aber eher ein Zusammenschluss von vielen kleineren Einzelnetzen. Jeder Provider hat sein eigenes Netz. Die Internetknoten sind dafür zuständig, die vielen Netze an einer zentralen Stelle zusammenzuführen. Sonst müsste man zu jedem Netz, das auf der Welt verfügbar ist, eine direkte Verbindung haben. Das ist bei den circa 55.000 Einzelnetzen, aus denen das Internet besteht, nicht sinnvoll. Deswegen hat man schon zu Beginn der Entwicklung des Internet auf zentrale Austauschknoten gesetzt. DE-CIX als deutscher Austauschknoten wurde 1995 von deutschen Providern gegründet, um den Internetverkehr über eine zentrale Infrastruktur auszutauschen.

Vereinfacht gesagt, ist ein Internetknoten ist eine große Vermittlungsstelle, in der jeder Provider seinen Stecker hat. Sogenannte Switches verbinden einfach das Netz A mit dem Netz B. Wir haben heute in Frankfurt knapp 900 Netze, die dort mit unterschiedlichen Bandbreiten angeschlossen sind. Ein Großteil des deutschen, aber auch internationalen Verkehrs wird über diese Infrastruktur in Frankfurt geleitet.

Wie groß ist der Knotenpunkt in Frankfurt im Vergleich mit anderen Knotenpunkten?

Wir haben dort insgesamt zehn Maschinen mit großen Schnittstellen in 16 verschiedenen Rechenzentren, die miteinander verbunden sind. Kapazitätsmäßig verarbeiten wir im Durchschnitt zwischen drei und dreieinhalb Terabit pro Sekunde. Zu Spitzenzeiten abends um 21 Uhr sind es auch schon mal fünf Terabit. Insgesamt kann unsere Plattform 40 Terabit verarbeiten. Das heißt, wir haben noch ein paar Jahre Zeit, bis wir die bestehende Infrastruktur erweitern müssen.

Die drei größten Internetknoten weltweit befinden sich in Amsterdam, London und Frankfurt. Wir sind der größte, was die Kapazität angeht. Bei den anderen liegen die Durchsätze in einer Größenordnung zwischen 3,1 Terabit und 4,7 Terabit pro Sekunde.

Es gibt in Europa, USA und in Asien unterschiedliche Strategien, was den Aufbau der Internetknoten angeht. In den USA und in Asien gibt es keine so großen Ausbaustufen wie hier. Es sind eher viele kleinere, kommerzielle Internetknoten. Dadurch dass wir in Deutschland größere Zusammenschlüsse haben, unterliegen die Betreiber einer gewissen Neutralität. Andere Knoten werden von Staaten betrieben, die dadurch eine große Kontrolle ausüben können. Das ist eher unproduktiv, wie man an China sieht. Aber auch in Indien ist der Internetknoten in staatlicher Hand und funktioniert überhaupt nicht. Beides sind wichtige Zukunftsmärkte.

Wer betreibt denn den Internetknotenpunkt in Deutschland?

In Deutschland ist der Internetknoten in der Hand des eco, dem Verband der Internetwirtschaft e.V. Der DE-CIX ist kein kommerzielles Unternehmen, sondern ein Unternehmen des Verbandes. Damit sind die Mitglieder – das sind die Internetprovider – gleichzeitig Kunden und haben Einfluss, wie der DE-CIX betrieben wird.

Glauben Sie, dass für eine so wichtige Infrastruktur wie das Internet eine Art staatlicher Kontrolle nötig ist, um sicherzustellen, dass alles läuft?

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Dadurch dass wir die Austauschknoten in Eigenregie selbstreguliert aufgebaut haben, funktionieren sie so gut. In den USA zum Beispiel hat das nicht stattgefunden. Da haben kommerzielle Betreiber die Austauschpunkte in ihrer Hand und haben eine Wettbewerbssituation geschaffen, die einer Infrastruktur wie dem Internet durchaus schädlich sind. Keiner der amerikanischen Ausbaupunkte ist auch annähernd so bedeutend, wie die drei wichtigsten europäischen. Wir haben vor drei Jahren in New York einen Austauschpunkt aufgebaut und unser Modell des verteilten, unabhängigen, neutralen Knotens in der Höhle des Löwen etabliert. Wir sind damit sehr erfolgreich: Wir sind jetzt die Nummer zwei in New York und auf dem Weg zur Marktführerschaft. Unser europäisches Modell ist sehr gut für den amerikanischen Markt geeignet.

Mit der Verwaltung eines Internetknotens geht sehr viel Verantwortung einher, damit alles funktioniert. Wie groß ist Ihre Sorge vor technischen Ausfällen oder Sicherheitsproblemen?

Wenn Sie mich vor 15 Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: „Mitunter habe ich schlaflose Nächte.“ Heute kann ich ganz ruhig und ohne schlechtes Gewissen sagen, dass wir die Technik im Griff haben. Seit 2007 können wir eine hundertprozentige Verfügbarkeit nachweisen. Der DE-CIX besteht ja nicht aus einem einzigen Rechner. Es gibt zehn Switches, die miteinander verknüpft sind, und das in einer Art und Weise, dass beim Ausfall eines einzelnen Switches die anderen die Last übernehmen können. Alle Teile eines Switches, die kaputtgehen können – Netzteile, Lüfter und ähnliches – sind doppelt vorhanden. Wir können für die Verfügbarkeit des Internet garantieren. Ich sehe da auch keine Bedrohung, die uns in irgendeiner Form in die Knie zwingt. Wir haben sehr ausgefeilte Firewalls. Unsere Software ist sehr sicher und zuverlässig.

Wie stehen Sie zu den staatlichen Versuchen, den Internetverkehr abzuhören und zu speichern, etwa durch Maßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung?

Der Dienst, der von DE-CIX erbracht wird, liegt außerhalb der Regulierung und dem, was die Nachrichtendienste an Informationen gebrauchen könnten. Wir haben keinen Einfluss und keine Beziehung zu dem, was über den DE-CIX transportiert wird. Das heißt, wir funktionieren ähnlich wie ein Verteilzentrum der Spediteure. Bei uns kommen kleine Päckchen oder große Päckchen an, von denen wir wissen, wer sie losgeschickt hat und wo sie hinmüssen. Wir haben keinen Einblick, was in den Päckchen drin ist. Und das ist auch nicht unser Job. Wir nehmen die Pakete entgegen und geben sie eins zu eins, nicht gespeichert und nicht verarbeitet, von Port A zu Port B. Das ist der Job eines Austauschpunktes.

Wenn man über die Internet-Infrastruktur in Deutschland spricht, dann vor allem über die Breitbandversorgung, die zu wünschen übrig lässt. Wie würden Sie den Zustand der Internetversorgung in Deutschland beschreiben?

Die telekommunikative Infrastruktur ist Grundlage jedes wirtschaftlichen Handelns in der Zukunft. Wir sind im Vergleich mit anderen Nationen noch zu zögerlich. Wir müssen mehr in die Digitalisierung investieren und neue Technologien in den Vordergrund stellen. Wir werden es in zehn Jahren bereuen, dass wir bestimmte Felder im Ausbau nicht gefördert haben.

Ich nehme zwei Beispiele heraus: In Frankfurt hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine Industrie aus Rechenzentren, Providern, Netzwerkfirmen und aus Software-Unternehmen entwickelt. Die Banken sind nicht in Frankfurt, weil das Wetter dort so schön ist, sondern es eine hervorragende digitale Infrastruktur gibt. Aber es gibt heute Bestrebungen von Seiten der Stadt, Investitionen in diesem Bereich einzuschränken mit der Begründung, dass die Rechenzentren zu viel Strom verbrauchen. Ich befürchte, in ein paar Jahren wird sich das als eine fatale Entscheidung erweisen. Wenn die Rechenzentren in Frankfurt nicht mehr weiter ausgebaut werden können, dann wandern die Anbieter – und vielleicht auch die Kunden – ab, zum Beispiel nach Skandinavien, nach Luxemburg oder an die Grenze nach Frankreich, weil dort der Strom preiswerter ist. Dort sind die Rahmenbedingungen für den Bau und den Betrieb von Rechenzentren gegeben.

Zweites Beispiel Breitband. Hier ist die Frage: Wie sinnvoll ist es, aus einem Kupferkabel das letzte Bit herauszuquetschen, wenn eigentlich Glasfaser gebraucht wird? Wenn wir uns die Entwicklung anschauen, dann wird in den nächsten zehn Jahren ein 50-Megabit-Anschluss lächerlich erscheinen. Die Kosten für Glasfaser werden sich schnell wieder einspielen. Wir haben in New York einen Kunden, der im Auftrag der Stadt New York jede Lampe, jede Ampel jedes Bezirks mit Glasfaser anschließt. Das kostet zwar sehr viel Geld, aber es wird sich amortisieren. In Deutschland schaffen wir es nicht einmal, einzelne Mehrfamilienhäuser mit Glasfaser zu versorgen.

Wenn Sie Politiker wären: Welche drei Dinge würden Sie in dem Bereich als erstes anpacken?

Zunächst würde ich dafür eintreten, dass das Thema Digitalisierung endlich Ministerrang bekommt. Das Thema Digitalisierung ist über drei Ministerien verteilt. Ein zentrales System würde der Digitalisierung die Bedeutung geben, die sie verdient. Der zweite Punkt: Ich würde das Anreizsystem für die Digitalisierung größer bemessen. Kinder müssen bereits im Schulalltag lernen, sich mit den neuen Technologien auseinandersetzen. Der dritte Punkt: Ich würde ein Anreizsystem schaffen, damit die Unternehmer in Deutschland, die in der Digitalwirtschaft unterwegs sind, den Mut finden, sich im Ausland Ideen zu holen. Auf lange Sicht brauchen wir starke digitale Lösungen.

Das Interview führte Philipp Otto.

Harald Summa

Harald Summa

Harald A. Summa ist Gründer und Geschäftsführer des Verbands eco – Verband der Internetwirtschaft. Seit 1996 leitet Summa einen der weltweit wichtigsten und von ihm mitbegründeten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Mein. Daneben ist er Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Informatik an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied des Beirats der Initiative Junge Digitale Wirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Beirats Digitale Wirtschaft NRW.

Foto: Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
Harald Summa

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