Wir werden eine echte Killer-Anwendung der Blockchain erleben

Foto: re:publica / Justin Farrelly (CC BY 2.0)

Shermin Voshmgir, Blockchain-Beraterin sowie Gründerin des Coworking Spaces und Thinktanks Blockchainhub.net, glaubt, dass die dezentrale Datenbank-Technologie eine neue Ära in der Geschichte des Netzes einläutet. Blockchain sei ein Gamechanger.

iRights.Media: Was ist an der Blockchain besonders?

Shermin Voshmgir: Die Blockchain kann ein nächster großer Schritt in der Entwicklung der Computer und des Internet sein. Mit der Blockchain bauen wir einen dezentralen Weltcomputer. Das weltweite Netzwerk aller beteiligten Rechner ist quasi die Hardware und das Blockchain-Protokoll das Betriebssystem.

Was ist damit genau gemeint?

Das World Wide Web hat den Informationsaustausch revolutioniert. Das sogenannte Web 2.0 machte das Web programmierbar und brachte uns Social Media sowie die Sharing-Economy. Blockchain kann in dieser Entwicklungsreihe als ein Baustein des Web 3.0 gesehen werden, das den Wertaustausch revolutioniert, indem P2P-Transaktionen ohne zentrale Clearingstelle ermöglicht werden. Auf diesem Transaktionsprotokoll können Smart Contracts und sogenannte dApps – dezentrale Anwendungen – aufbauen.

Wie würden Sie das Prinzip der Technologie erklären?

Die Blockchain ist ein großes verteiltes Kontobuch, eine Tabelle, in der alle Transaktionen von Zeitpunkt Null bis heute aufgezeichnet werden: Wer hat wann was an wen geschickt. Keine einzelne Person kann die Einträge in dieser Tabelle manipulieren und alle Teilnehmer des Netzwerks können Transaktionen verifizieren. Deswegen braucht man in Zukunft keine zentrale Partei, um die Verlässlichkeit von Transaktionen zu garantieren. Stattdessen entscheidet die Mehrheit im Blockchain-Netzwerk, ob eine Transaktion oder ein Prozess gemäß Protokoll valide ist.

Und was sind Smart Contracts?

Smart Contracts sind automatisch ausführbare Programme, die auf der Blockchain aufbauen und vordefinierte Transaktionsspielregeln im Programmcode abbilden. Eine Transaktion, die über einen Smart Contract läuft, wird automatisch ausgeführt, wenn alle beteiligten Parteien die zuvor definierten Konditionen erfüllen. Dadurch erübrigt sich die Notwendigkeit einer zentralen zwischengelagerten Instanz und die Transaktionskosten sinken.

Wie könnte das praktisch aussehen?

Ein Beispiel: Die deutsche Firma Slock.it entwickelt smarte Schlösser, die an die Blockchain angeschlossen sind. Über die könnte ich beispielsweise meinen Rasenmäher verleihen. Will mein Nachbar den mieten, aktiviert er ihn via Smart Lock. Im Blockchain-Netzwerk wird als Transaktion abgespeichert: Identität x hat um so und so viel Uhr den Rasenmäher aktiviert und zwei Stunden später wieder deaktiviert. Am Ende sorgt der Smart Contract dafür, dass tatsächlich Geld fließt. Gemäß den im Contract vermerkten Konditionen berechnet das Netzwerk den fälligen Betrag und der wird dann direkt und automatisch vom Blockchain-Konto meines Nachbarn zu mir transferiert.

Für welche Gesellschaftsbereiche und Branchen sehen Sie Anwendungsszenarien?

Ein großer Anwendungsfall liegt bei Banken und Finanzdienstleistungen. Zur Zeit werden Finanzdaten zentral abgespeichert und durchlaufen verschiedene Clearingstellen. Wenn ich heute über eine normale Bank Geld schicke, dauert das deswegen manchmal mehrere Tage. Das ist völlig absurd. Mithilfe der Blockchain lassen sich Werte in wenigen Sekunden und für einen Bruchteil der Kosten von A nach B schicken. Ein anderer Anwendungsfall ist Nachvollziehbarkeit. Auf Basis der Blockchain lassen sich komplette Vertriebs- und Produktionsketten abbilden. Ich kann in Zukunft bei einem Fertiggericht sehen: Woher kommt dieses Schweinefleisch, ist es bio oder nicht? Ich rechne auch mit einer Revolution der Buchhaltung. Wenn ich per Blockchain sämtliche Finanztransaktionen darstellen kann, brauche ich weder Buchhalter noch Buchprüfer und Steuern werden automatisch abgeführt.

Glauben Sie, dass Smart Contracts auch Juristen in Bedrängnis bringen?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es Start-ups im Bereich Legal Tech gelingt, Smart Contracts so zu gestalten, dass sie automatisch als juristisch akzeptierte Verträge gelten. Das wird dann einige Bereiche der anwaltlichen Tätigkeit ersetzen. Sicher nicht dort, wo es um Streitschlichtung oder um komplexe Verfahren geht, aber sehr stark in einfachen Bereichen, in denen Anwälte eher copy-und-paste-mäßig Verträge aufsetzen. Ich würde heute niemandem mehr raten, Notar zu werden. Sobald wir beginnen, beispielsweise Grundbücher auf der Blockchain abzubilden, werden wir deutlich weniger Notare brauchen.

In der öffentlichen Diskussion über die Blockchain dominieren Superlative. Für wie disruptiv halten Sie die Technologie?

Die Blockchain wird jede Branche verändern. Sie ist eine Weiterentwicklung des Internet, das vor allem aus zentralen Institutionen besteht. Die Zukunft wird dank Blockchain sehr viel dezentraler sein. Allerdings befinden wir uns in einer sehr frühen Phase. Wir arbeiten noch an den Kernprotokollen und den ersten Anwendungen.

Wo verläuft bei der Debatte die Grenze zwischen übertriebenem Hype und berechtigter Erwartung?

Ich glaube nicht, dass die Blockchain als Technologie zu sehr gehypt ist. Wenn Sie mit Hype meinen, ob die Technologie Substanz hat, sage ich ganz klar: Ja, sie hat Substanz, und ja, sie wird ein Gamechanger sein, die Frage ist nur wann und wie genau. Das Problem ist die unrealistische Erwartungshaltung, dass schon übermorgen die Revolution da ist.

Und wann glauben Sie, dass wir erste Effekte sehen?

Wir werden wahrscheinlich in nächsten zwei Jahren die ersten nutzerfreundlichen alternativen Anwendungen im Finanzdienstleistungsbereich sehen. Dort wird schon länger an Projekten gearbeitet, denen es bisher allerdings noch an Usability mangelte. Und ich glaube, dass wir in den nächsten zwei bis fünf Jahren die eine oder andere wirkliche Killer-Anwendung der Blockchain erleben werden.

Das Interview führte Stefan Mey.

Shermin Voshmgir

Shermin Voshmgir

Die 1974 in Wien geborene Shermin Voshmgir hat an der Wirtschaftsuniversität Wien Wirtschaftsinformatik studiert und dort promoviert. Zusätzlich hat sie auch die Filmschule in Madrid besucht. Filme von ihr waren unter anderem in Cannes und bei der Documenta zu sehen. Über das von ihr gegründete Netzwerk Blockchainhub.net führt sie heute Forschungs- und Beratungsprojekte zur Blockchain durch und berät dabei Unternehmen sowie Regierungsorganisationen.

Foto: Henrik Jordan
Shermin Voshmgir

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