Wo entsteht das nächste Silicon Valley?

Foto: Summer Solstice Silicon Valley Panorama, Anthony Avalos / flickr.com (CC-BY-SA-4.0)

Boomende Technologiezentren sind der Traum von Gründern wie von Immobilienmaklern. Techfirmen profitieren vom gegenseitigen Know-how und die lokale Wirtschaft von deren Wachstum. 16 Städte stehen weltweit in den Startlöchern, um das nächste Silicon Valley zu werden.

Silicon Valley: Das kalifornische Original
Das kalifornische Silicon Valley ist weltweit ein viel bemühtes Synonym für eine erfolgreiche Wirtschaft im Zeitalter des digitalen Wandels. Hier sind Unternehmen wie Google, Apple, Facebook und Tesla entstanden. Sie bauen auf den Errungenschaften von Firmen wie Hewlett-Packard, Cisco, Dell und AMD auf, die bereits die Wirtschaft des 20. Jahrhunderts prägten und dies auch heute noch tun. Was Investoren beim Versuch, ein eigenes Silicon Valley aufzubauen, oft übersehen, ist die banale Tatsache, dass auch das Original nicht über Nacht entstanden ist. Die Anfänge gehen auf den 1951 neben der Stanford University errichteten Stanford Industrial Park (heute: Stanford Research Park) zurück. Ein Forschungs- und Industriegebiet allein reicht also nicht aus, das kann nur ein Anfang sein. Es braucht Zeit, die Welt zu verändern.

Boston: Die Ostküste der USA holt auf
Was die Stanford University im Westen ist, sind Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, an der Ostküste der USA – zwei Elite-Hochschulen, die unzählige Talente anziehen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass es als ein weiteres US-amerikanisches Silicon Valley gesehen wird. Vor allem Start-ups im Hardwarebereich profitieren von der Nachbarschaft zu den weltweit führenden Forschungsstandorten. Aber auch die Nähe zum Finanzstandort New York City und dem Verwaltungsapparat in Washington kann die Westküste jungen Gründern so nicht bieten. Davon abgesehen hat Boston eine attraktive Innenstadt und ist gut organisiert – dort lässt es sich genauso gut leben wie in San Francisco.

Chilecon Valley: ¡Bienvenidos a Santiago de Chile!
Nur eine Kopie des Silicon Valley zu sein, ist sinnlos. In Santiago de Chile gibt es einen anderen erfolgversprechenden Ansatz, das sogenannte Chilecon Valley. Es hat den Anspruch, das diversere Silicon Valley sein, geprägt von Einwanderern aus der ganzen Welt. Das schaffen die USA so nicht. Chile macht es Gründern und Unternehmern aus anderen Ländern leicht, dort etwas aufzubauen, gefördert durch Regierungsgelder. Will Chile jedoch das Zentrum der südamerikanischen Start-up-Szene werden, muss das Land zunächst politische Stabilität erreichen. Die Start-up-Programme können aber als Erfolg gewertet werden. Bisher kamen Gründende aus über 40 Ländern nach Chile, um dort Unternehmen aufzubauen.

Sankt Oberholz statt San Francisco: Berlin, Berlin!
Wenn sich Berlin irgendwo auch nur ein bisschen wie das Silicon Valley anfühlt, dann ist es auf der Torstraße rund um den Rosenthaler Platz. Seit dort mit dem St. Oberholz im Sommer 2005 ein Café und ein Coworking Space öffnete, haben sich in Berlin Hunderte von Start-ups gegründet, entwickelt und somit zum Ruf des sogenannten „Silicon Spree“ beigetragen. Die Versuche der Politik, diese Entwicklung in den letzten Jahren zu fördern, täuschen nicht darüber hinweg, dass die Berliner Start-up-Szene bisher eher trotz der Politik als mit ihrer Hilfe entstanden ist. In Zeiten des Brexit kann diese unvergleichbar weltoffene und (noch) bezahlbare Stadt es mit ihrem Potenzial als Weltmetropole in spe und Forschungsstandort vielleicht schaffen, die globale Wirtschaft mitzuprägen.

Tahrir Alley Technology Park: Kairos Antwort auf das Silicon Valley
Der Tahrir Alley Technology Park (TATP) oder auch „The GrEEK Campus“ könnte ein Vorzeigeprojekt für Ägypten werden, und das im Herzen von Kairo, gleich neben dem Tahrir-Platz. Auf dem ehemaligen Gelände der American University in Cairo (AUC) hat eine auf Nordafrika und den Nahen Osten spezialisierte Venture-Capital-Gesellschaft auf über 23.000 Quadratmetern ein Start-up-Zentrum errichtet. Noch hat der TATP durch die politische Instabilität des Landes nicht die Entwicklung genommen, zu der die ägyptischen Start-ups in der Lage wären. Aber weder Rom noch das Silicon Valley wurden an einem Tag erbaut. Genauso verhält es sich mit dem Tahrir Alley Technology Park.

Konza Techno City: Kenia hat Potenzial
Mit dem Wirtschaftsprojekt Konza Techno City versucht die kenianische Regierung für rund 15 Milliarden US-Dollar ein eigenes Silicon Valley in Ostafrika aus dem Boden zu stampfen, ausgestattet mit Universitäten, Hotels, Schulen, Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen. Das ist ein Anfang, aber wichtiger ist die Einstellung der Gründenden in Kenia: sie kopieren keine Innovationen, sondern suchen Lösungen für die Probleme der Menschen vor Ort. Entwicklungen wie das mobile Bezahlsystem M-Pesa zeigen die Innovationskraft der dortigen Start-up-Gemeinde. Besonders die Hauptstadt Nairobi verfügt über ein Potenzial im Technologiesektor, das es so in Afrika kein zweites Mal gibt. Neben Geld braucht es jedoch auch Menschen mit Ideen, um die Welt zu verändern – so hat es das Silicon Valley vorgemacht.

Bangalore: Silicon Valleys indischer Doppelgänger
Wenn ein aufstrebendes Silicon Valley dieser Welt verstanden hat, dass die Entwicklung eines Technologiezentrums Zeit braucht, dann ist es das indische Bangalore. Bereits in den 1970er-Jahren wurde hier die Grundlage für Indiens IT-Industrie gelegt. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch das indische Bildungssystem, welches Computerkurse anbot und somit Experten heranzog, auf die ausländische Technologiefirmen aufmerksam wurden. Auch heute noch sind dies vergleichsweise preiswerte Fachkräfte, die fließend Englisch sprechen und gut ausgebildet sind. Sie haben dafür gesorgt, dass Bangalore sich in den letzten vierzig Jahren zu einem der wenigen weltweiten IT-Standorte entwickeln konnte, der wirklich als eine lokale Variante des Silicon Valley bezeichnet werden kann.

Shenzhen: Die Heimat des chinesischen Kapitalismus
Dass Shenzhen als das chinesische Silicon Valley gehandelt wird, überrascht nicht. Hier unternahm die kommunistische Regierung Anfang der 1980er-Jahre erste Versuche, in sogenannten Sonderwirtschaftszonen dem Land den Kapitalismus beizubringen. Am gleichen Ort die digitale Wirtschaft von morgen zu suchen, erscheint naheliegend. Die Stadt ist heutzutage die wohlhabendste im ganzen Land. Die Infrastruktur ist moderner als in den meisten Metropolen westlicher Länder. Hier verdienen Chinesen rund 40 Prozent mehr als im Landesdurchschnitt. Kein Wunder also, dass es die Besten der Besten des Landes nach Shenzhen zieht, um im IT-Sektor zu arbeiten. Lenovo und Huawei sind nur zwei unter vielen Firmen, die für das hohe Niveau in Shenzhen stehen, das globale Erfolge feiert.

Peking: Die Stadt der innovativen Superlative
Technologie-Riesen und Universitäten geben in China Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung aus. Dadurch werden lokale Talente und Projekte gefördert, was nicht zuletzt der chinesischen Wirtschaft zugutekommt. Bereits heute ist das Land mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern führend in der Anmeldung von Patenten – und das in fast allen Bereichen. Zudem besitzt China die meisten der 500 weltweit leistungsfähigsten Computer, sogenannte „Supercomputer“, die in wissenschaftlichen Kreisen als Indikator der nationalen Technologieführerschaft betrachtet werden. Huawei und Xiaomi sind auch im Westen schon bekannt. Firmen wie der chinesische Drohnen-Hersteller DJI, der bereits jetzt in den USA einen Marktanteil von 75 Prozent hat, ist eher eines von Pekings noch unbekannten Unicorns.

Dublin: Schon von den Wikingern für gut befunden
Das europäische Pendant zum Silicon Valley beheimatet nicht etwa Deutschland oder Frankreich, sondern als der technische Hotspot Europas wird häufig Dublin angesehen. Die irische Hauptstadt ist die viertreichste Stadt der Welt und Heimat für über eine Million Arbeitnehmer. Im Großbereich Dublin siedelten sich unter anderem Microsoft, Google, Amazon und Twitter an, um nur einige Größen aus dem kalifornischen Silicon Valley zu nennen. Dies macht die Stadt zur europäischen Anlaufstelle schlechthin für informations- und technologiegetriebene Unternehmen. Mit einer Vielzahl hervorragender Colleges und Universitäten ist Dublin auch ein Bildungsparadies. Seit den 1990ern verdankt die Stadt ihren heutigen Boom der IT-Szene.

Tel Avivs Silicon Wadi: Heimat für Innovationen
Schon heute gilt das „Silicon Wadi“ (Wadi = Tal) bei Tel Aviv als zweitgrößtes Start-up-Ökosystem der Welt. Über 60 seiner Firmen sind bereits an der Nasdaq-Börse vertreten, das sind mehr als alle Firmen aus Europa, Japan, Südkorea und China zusammen genommen. Tel Aviv hat die Innovationskraft von San Francisco und das Nachtleben von Berlin. Kein Wunder, dass es sich hier gut und gerne arbeiten lässt. Dazu kommen Standortvorteile wie das gute Bildungssystem und dass das Militär große Summen in neue Technologien investiert. Israelis sind darüber hinaus begeisterte Netzwerker und durch den Militärdienst an diszipliniertes Arbeiten gewöhnt. Israel nutzt seine geografische Lage und politische Situation geschickt, um an einem weiteren Silicon Valley zu arbeiten – nichts für überzeugte Pazifisten.

Hsinchu: Die Insel der Innovation
Nur eine rund dreißigminütige Fahrt von der Hauptstadt Tapei entfernt, findet sich der Hsinchu Science Park (HSP). 1980 gegründet, gibt es dort heute über 470 Firmen mit mehr als 150.000 Angestellten. Internationale Top-Player unter den Elektronik-Herstellern, von Sony bis Apple, beziehen von hier ihre Komponenten. Die National Chiao Tung University (NCTU) wurde 1958 in Hsinchu eröffnet. Sie hat großen Anteil am Wachstum des HSP. Durch Forschungszentren im Bereich der Nanoelektronik, biomedizinischen Elektronik oder der Gehirnforschung lebt die taiwanesische Küstenstadt technologischen Fortschritt vor, den sie vor allem interdisziplinären Forschungswegen verdankt. So entwickelte die National Tsing Hua University (NTHU) die weltweit erste 3D-Drosophila-Gehirndatenbank. Taiwan scheint auf dem besten Weg von rein wirtschaftlicher Effizienz hin zu technologischer Innovationskraft zu sein.

Lagos: Aufstieg aus der Entwicklungswelt
Im Laufe der letzten 30 Jahre gingen in Lagos die Armut und die Anzahl von Krankheiten, ebenso wie die Geburtenrate langsam zurück. Es steht fest, dass sich auch die Entwicklungswelt im Umschwung befindet und vor allem das nigerianische Lagos profitiert davon. Das Land ist die afrikanische Nummer 1 in Sachen Bevölkerung und Wirtschaft. Allein in Lagos finden sich eine Vielzahl erfolgreicher Tech-Start-ups wie das Netflix-Pendant IrokoTV oder der Online-Lebensmittelhändler Supermart. Das hat vor allem auch soziale Auswirkungen, denn Lagos wird dadurch sichtbar in den globalen Newsfeeds. So wird die afrikanische Start-up-Szene extrem interessant für Venture-Capital-Investoren. Von einem Silicon Valley ist Lagos noch weit entfernt, aber die Region legt gerade die Grundlagen für eine bessere Zukunft.

Kapstadt: Südafrikas „Silicon Cape Initiative“
Vor rund zehn Jahren konnten auch in Kapstadt nur wenige Menschen etwas mit dem Begriff „Start-up“ anfangen. Wichtiger war der Abbau von Rassismus und Apartheid in der Gesellschaft, nicht Risiko-Investitionen in neue Unternehmen. Doch Gründer wie Justin Stanford und Vinny Lingham wurden damals schon mit ihren Start-ups bekannt. Die beiden reisten einige Male ins Silicon Valley, um das erfolgreiche Vorbild zu verstehen. So gelang es ihnen, auch in Kapstadt ein Start-up-Ökosystem aufzubauen. 2009 schloss sich die Silicon Cape Initiative zusammen, ein Non-Profit-Netzwerk aus Tech-Unternehmen, Entwicklern, Kreativen und Business Angels. Kapstadt ist damit neben Lagos größter Anwärter auf den Titel „nächstes Silicon Valley in Afrika“.

Jakarta: An der Spitze von Innovation und Fortschritt
Die weitläufige Hauptstadt Jakarta ist das Herz und die Seele Indonesiens. Mithilfe einer zukunftsorientierten Regierung ist die Stadt bereit, das neue Technologiezentrum Asiens zu werden. Kein Wunder, dass immer mehr kreative Unternehmer Jakarta ihr Zuhause nennen. Die vorherrschende Innovationskultur, das Entstehen starker Tech-Start-up-Ökosysteme und die hohe Anzahl gebildeter und qualifizierter junger Leute ebnen Jakarta den Weg zu einem weiteren asiatischen Silicon Valley. Schon heute ist Indonesien weltweit führend bei technologischen Innovationen und Fortschritt, wie der Kleinwagen „Mobil Arina“ und das unbemannte Luftfahrzeug „Smart Eagle“ beweisen.

Sydneys Silicon Beach: Gründen, wo andere Urlaub machen
Um ein zweites Silicon Valley aufzubauen, das gilt in Kalifornien wie anderswo, braucht man engagierte Menschen. Die hat Sydney schon, doch da viele Australier für ihr Leben gerne reisen, gründen sie oft in der Ferne. So auch im kalifornischen Silicon Valley. Dabei hat Australiens größte Stadt ähnliche Qualitäten zu bieten und so langsam merkt das auch die einheimische Start-up-Szene. Silicon Beach ist vergleichsweise klein, aber seine Entwicklung stimmt positiv. In einer Wirtschaftswelt, die niemals schläft, ist Sydney vor allem für europäische Unternehmen mit 24-Stunden-System ein idealer Standort. Gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit englischer Muttersprache und Gemüt sind die ideale Egänzung für vernetzte Teams und die Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt.

Singapur: Der Tipp der Weltbank
Singapur ist neben Hong Kong das wichtigste Finanzzentrum Asiens und einer der zehn meistbesuchten Orte der Welt – es fehlt also nicht am Geld. Singapurs größter Vorteil ist jedoch paradoxerweise die geringe Bevölkerungszahl. Für einen Markt von etwas mehr als sechs Millionen Menschen lohnen sich Neuentwicklungen nicht, die ganze Welt muss daher von Anfang an als potenzieller Markt betrachtet werden. Diese Einstellung bringt den Inselstaat einen Schritt näher an sein Ziel, das Silicon Valley Asiens zu werden. Singapur hat eine lebendige Start-up-Szene, deren Gründer vor allem in Kalifornien gelernt haben und nun zum Arbeiten in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Die Weltbank sieht in Singapur bereits einen der besten globalen Standorte zum Gründen. Von einem Geheimtipp kann hier keine Rede mehr sein.

Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

Tobias Schwarz ist Leiter des journalistischen Projekts Netzpiloten.de. Im Januar 2013 organisierte er zusammen mit anderen NetzaktivistInnen die Proteste im Internet gegen die Einstellung der BR-Sendung „Space Night“. In seiner Freizeit bloggt er für Online-Medien wie Politik-Digital.de und Carta.info. Tobias ist Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Netzpolitik von Bündnis 90/Die Grünen Berlin.

Foto: Hung Trinh
Tobias Schwarz

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