Frauen, Gender, Netzpolitik: Wo stehen wir 2012?

Mario Sixtus, Neusser Straße. CC BY-NC-SA 2.0

Sind Frauen und Männer im Netz gleich, wie manche (Männer) behaupten? Oder gibt es noch Baustellen? Ein Rückblick auf die wichtigsten Schauplätze des Jahres.

Im Jahr 2011 hatte sich der Feminismus seinen Platz im Netz gut erarbeitet. Es waren Blogs wie die Mädchenmannschaft, die eine feministische Haltung massenkompatibel gemacht hatten – zumindest im Netz. So gründeten sich viele neue Projekte im Jahr 2011 und 2012, darunter Netzfeminismus.org, Frau Lila und Femgeeks. Vernetzung wurde zum Hauptanliegen dieser Initiativen – denn im Netz ist die Macht der Vielen gefragt. Auch das Netzwerk Digital Media Women, das sich selbst nicht als feministisch versteht, stellt den Gedanken des Empowering durch Vernetzung in den Vordergrund.

Gleichzeitig erlebte das wichtigste deutsche feministische Blog, die Mädchenmannschaft, eine Zersplitterung: Nach einem Eklat um vermeintlich rassistische Vorkommnisse auf der Feier zu ihrem fünften Geburtstag im September verließen sechs Autorinnen das Blog – nachdem bereits 2011 drei Mitglieder gegangen waren. Damit einher geht eine inhaltliche Neuausrichtung – und eine Abkehr vom Mainstream.

Website des Jahres 2012 – vielleicht Brigitte.de

Jenseits dieser feministischen Filterblase ordnen sich auch im Jahr 2012 Frauen stark entlang ihrer stereotypen Rollen in der Gesellschaft an. Brigitte.de ist nominiert als beste Website des Jahres. Ebenso wie Frag-Mutti.de. Beide haben als Hauptzielgruppe Frauen, die sie mit Mode und Rezeptideen ansprechen.

Die Internetnutzung selbst ist zumindest in der Altersgruppe zwischen 18 und 34 Jahren bei Männern und Frauen etwa gleich ausgeprägt. Mit steigendem Alter sinkt die Beteiligung der Frauen im Vergleich zu den Männern erheblich. Doch während Frauen die sozialen Medien – vor allem Facebook und Twitter – stark nutzen, dominieren Männer die Blogosphäre und damit jenen Bereich, der als einflussreich gilt. Viele Blogs, darunter Netzpolitik.org, das Bildblog oder auch Carta haben sich inzwischen neben den traditionellen Medien etabliert.

Blogrankings und Netzkonferenzen

Die genannten Blogs haben alle eine gute Position in sogenannten Blog-Rankings. Zwar gibt es die ehemals als relevant geltenden Deutschen Blogcharts nicht mehr, aber Alternativrankings wie ebuzzing behalten die Entwicklungen im Auge. Unter den Top 50 des dortigen Rankings sind allerdings mit antischokke und Jabelchen.de im Monat Oktober nur zwei Frauen vertreten.

Erfreulich ist hingegen, dass auf der re:publica 2012, der Konferenz für die digitale Gesellschaft, viele Frauen zu sehen und auch zu hören waren – auf den Podien etwa ein Drittel. Mit Featurette und Digital Media Women wurden dort gleich zwei große Projekte vorgestellt, die Frauen vernetzen und sichtbar machen wollen. Featurette ist ein Webmagazin, das Texte von Bloggerinnen zusammenstellt, ausgesucht durch das Team von Frau Lila. Damit gibt es neben den männerdominierten Blogrankings nun ein Portal, auf dem Texte von Frauen hervorgehoben werden.

Post-Gender bei den Piraten und in der Wikipedia

Quizfrage: Was haben die Piratenpartei und die Wikipedia gemeinsam? Antwort: Sie haben einen Gendergap. Dabei kann doch jeder und jede mitmachen, oder? Die geringe Repräsentanz von Frauen in den Ämtern und Funktionen der Piratenpartei werden ebenso wie der geringe Autorinnen-Anteil in der Wikipedia selten als Problem benannt. Sind Frauen nicht „selbst schuld“?

Im Jahr 2012 kommen wir von solchen einfachen Erklärungen langsam weg und arbeiten dafür an konkreten Lösungsideen. So hat sich die Piratenpartei offiziell vom Konzept des „Post-Gender“ – also der Idee, Geschlechterfragen hinter sich zu lassen – verabschiedet. Wikimedia, der Verein hinter der Wikipedia, hat angekündigt, im Jahr 2012 den Frauenanteil in der Autorenschaft verdoppeln zu wollen. Ob das gelingt? Eine andere Sprache spricht eine Kampagne gegen eine Autorin in der Wikipedia, getragen von sogenannten Maskulisten, die eine Diskriminierung von Männern beklagen – die Autorin schied am Ende aus. Jetzt liegt die Kunst darin, sich nicht entmutigen zu lassen und sich zu verbünden, um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern.

Sichtbarer, schlagkräftiger werden

Im Internet geht es bei Geschlechterfragen nahezu immer um Macht. Geschlechtergerechtigkeit ist ein eigenständiges netzpolitisches Thema – es wird nur noch nicht als solches gesehen. Es geht vor allem darum, dass Frauen in jenen Bereichen sichtbarer und schlagkräftiger werden, die von Männern dominiert werden. Doch viele der im Netz aktiven Männer – sei es in der Wikipedia oder in der Blogosphäre – sind sich dieses Problems nicht bewusst. Frauen müssten sich eben einfach einbringen, ist oft die Antwort. Am Problembewusstsein, an awareness, müssen wir also weiter arbeiten.

Katrin Rönicke

Katrin Rönicke

Katrin Rönicke studiert Sozialwissenschaften in Berlin. Sie bloggt seit sieben Jahren, hat 2011 die feministische Initiative Frau Lila mitgegründet und ist Mitglied im Frauenrat der Heinrich-Böll-Stiftung. In ihrer 14-tägigen Kolumne auf Freitag.de schreibt sie am liebsten über Geschlechterthemen.

Foto: Daniel Krause / Silberblick.net (CC-BY-SA)
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